dissecting a topia

von Svenja Knisel
Rezension von Stefan Cernohuby | 17. Juni 2026

dissecting a topia

Technologie und Menschlichkeit werden umso gegensätzlicher, je näher einander Physis und Halbleiterchips kommen. Auch wenn technologisierte Zukunftsvarianten wie Cyberpunk seit vielen Jahrzehnten präsent sind, ist die Frage, was Implantate und Computerintegration mit Menschen psychologisch und philosophisch machen, meist nur ein Nebenthema. Nicht aber in „dissecting a topia“ von Svenja Knisel, mit dem die Autorin im Jahr 2025 den ersten Österreichischen Phantastikpreis gewonnen hat.

Menschen haben Gefühle, manche mehr und manche weniger. Polizeileutnant Yilka Margreiter gehört zur zweiten Gruppe. Als es in Dobona-City (einer Stadt, über den Ruinen von Wien errichtet) zu einem mysteriösen Stromausfall kommt und die gesamte Elektrizität der Stadt in den längst verfallenen DC Tower geleitet wird, trifft sie in dieser Extremsituation die richtige Entscheidung. Dadurch werden andere Gruppen auf sie aufmerksam. Auf sie, die Spätverbundene, die ihre ganze Jugend darauf gedrillt wurde, sich ohne maschinelle Unterstützung Wissen anzueignen, wodurch ihre emotionale Entwicklung auf der Strecke blieb. Mit einem nicht immer ganz problemlos funktionierenden emotionalen Ratgeber und einem Beinahe-Doppelleben neben der Polizei muss sich Ylka nach einer Beförderung nicht nur mit komplett anderen Menschen, Ausflügen in den Erdordbit und neuen Problem auseinandersetzen. Ihre Aufgaben gehen weit darüber hinaus, als sie Kontakt mit einer extraterrestrischen Spezies aufnehmen, fremde Wahrnehmungen über sich ergehen lassen muss und sich dabei nicht zu beantwortende Fragen stellt, was Menschlichkeit eigentlich ausmacht und woher sie wirklich kommt.

Es gibt Romane, die komplett handlungsgetrieben sind, wo jede Nuance in jedem Satz darauf fokussiert zu sein scheint, die Geschichte weiterzutreiben. Und es gibt Werke, in denen die Charaktere selbst nicht wirklich wissen, wie sie in die Lage geraten sind, in der sie sich gerade befinden, und in denen die Reise das eigentliche Thema des Romans darstellt. „dissecting a topia“ gehört definitiv in die zweite Kategorie. Denn ja, zu Beginn des Werks geschehen Dinge, die wichtig sind und eine Aufklärung erfordern. Doch hauptsächlich sind sie deshalb wichtig, weil sie disruptiv sind, weil sie den Status Quo verändern und die Protagonistin mit einer völlig neuen Situation konfrontieren, auf die sie sich absolut nicht einstellen kann. Das hindert weder ihre neuen Vorgesetzten und Kolleg*innen daran, sie ins kalte Wasser zu stoßen und schon gar nicht die Autorin des Werks, die Yilka absolut keine Freude macht – was bei ihr ohnehin schwierig wäre. Philosophische Fragestellungen treten nicht nur in der Handlung auf, sie werden auch in Gesprächen direkt gestellt und zum Teil in Fußnoten referenziert. Man kann versuchen sie zu ignorieren, sich auf den Verlauf der Handlung zu konzentrieren und sie als unwesentlich abtun. Aber dann hätte man vermutlich die Hauptintention hinter dem Roman verfehlt. Gerade das macht ihn zu ziemlich hartem Tobak, um es archaisch auszudrücken. Und zu einer Herausforderung.

Wenn man „dissecting a topia” von Svenja Knisel lesen möchte, sollte man nicht mit einem actionlastigen und leichtgängigen Cyberpunk-Spektakel rechnen, auch wenn man dies aus dem Klappentext herauszulesen glaubt. Es handelt sich tatsächlich um ein Werk, das deutlich mehr Fragen aufwirft als es beantwortet und das Charaktere präsentiert, die genauso viel Tiefe besitzen wir ihre Probleme Höhe. Wer bereit ist, sich mit anspruchsvoller Literatur und viel Philosophie auseinanderzusetzen, hat hier die Chance dazu.

Details

Bewertung

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