Manche Romane werden relativ schnell als moderne Klassiker bezeichnet, es gelingt ihnen aber trotzdem irgendwie, dem eigenen Lesestapel zu entgehen. Das kann unterschiedliche Gründe haben, unter anderem auch verschiedene Titel in verschiedenen Adaptionen und Sprachen. „Die drei Sonnen“ von Cixin Liu ist ein solcher Fall – eine Wissenslücke, die nun endlich geschlossen werden musste.
Inmitten von politischen Umwälzung ist es nicht nur gefährlich, einer anderen Ideologie anzugehören, es ist auch problematisch, Wissenschaftler zu sein. Denn Theorien und deren Beweise werden von Kollege*innen von überall auf der Welt erbracht. Teilweise auch von Menschen, die komplett andere Ansichten haben oder aus anderen politischen Systemen stammen. So wird der Physikprofessor Ye Zhetai zu Beginn des Romans dafür öffentlich hingerichtet, auch Grundsätze von westlichen Wissenschaftlern zu unterrichtet. Seine Tochter zeigt ebenfalls – durch diese Vorbelastung ohnehin unter Beobachtung – keine gute Menschenkenntnis und verwirkt ihr Leben durch einen für einen Freund verfassten Brief. Nur die Intervention eines Kollegen, der sie für ein Wissenschaftsprojekt in der Einöde requiriert, kann dieses Todesurteil in eine Art lebenslange Haft im Dienste der Forschung umwandeln.
Viele Jahre später wird Yang Miao, ein Forscher auf dem Sektor der Nanomaterialien, gegen sein Wissen in ein gemeinsames Militärprojekt verschiedener Nationen hineingezogen. Dabei stößt er auch über Umwege auf ein seltsames Computerspiel namens „Three Body“, bei dem der Spieler auf einer fremden Welt mit fremden Lebensformen landet und dort versuchen muss, den Fortbestand einer Zivilisation zu sichern. Doch tatsächlich gilt es ein Problem zu lösen. Ein Problem mit drei Körpern.
Der Roman ist die Vorlage zur Netflix-Serie „The Three Body Problem“ und wählt eine Erzählweise, die komplett anders ist als die der meisten Science-Fiction-Romane, die man von westlichen Autor*innen kennt. Denn die verschiedenen Prtotagonist*innen in den verschiedenen Zeitsträngen haben sich allesamt der Wissenschaft verschrieben und versuchen unmittelbar ein Problem zu lösen, das vor ihnen liegt. Dass dieses Problem und seine jeweilige Lösung dann eine ganze Reihe an kausalen Folgend haben, ist für sie selbst in der Situation weder ersichtlich noch wirklich erwünscht. Das macht den Roman bis zu einem gewissen Punkt sehr interessant zu lesen, auch wenn das Spannungsniveau nicht unbedingt hoch ist. Das muss es aber auch gar nicht sein. Leider kommt es dann später zu einem handlungstechnischen Schwenk, der ein wenig an Arthur C. Clarkes „2001“ erinnert. Denn plötzlich sind da Aliens, die der Erde feindlich gesinnt sind. Das ist der Moment, ab dem das Buch zwar immer noch gleich gut geschrieben ist, wo aber der Reiz des Neuen geringer wird. Ob man nach dem Zuschlagen der letzten Seite dann noch auf die übrigen Bände der Trilogie – denn natürlich ist ein Buch, das sich mit drei Sonnen und Körpern beschäftigt als Trilogie ausgelegt – Lust hat, liegt im Ermessen der Lesenden.
„Die drei Sonnen“ von Cixin Liu ist der Auftakt zu einer Trilogie und war auch die Vorlage zur Netflix-Serie „The Three Body Problem“. Ein Werk, das erzähltechnisch einen völlig anderen Ansatz verfolgt als westliche Science Fiction und dabei auch noch Einblicke in die chinesische Kulturrevolution und ihre Folgen bietet. Man kann das Werk definitiv empfehlen, auch wenn es ab einem bestimmten Zeitpunkt doch wieder in ein konventionelles Muster kippt.
Details
-
Originaltitel:三部曲《三体》(The Three Body Problem Trilogy Book 1 - Sanbuqu Santi)
-
Übersetzer*in:Martina Hasse
-
Erschienen:12/2023
-
Umfang:592 Seiten
-
Typ:Taschenbuch
-
ISBN 13:9783453322776
-
Preis (D):14,00 €
