Göttin der Wüste
Für Mitteleuropäer, die einigermaßen in der Gegenwart verankert sind, spielen Legenden, Mythen und Überlieferungen nur eine untergeordnete Rolle im Leben. Wenn es sich dann noch um einen Kontinent handelt, zu dessen Ursprüngen man wenig Bezug hat, wird es noch schwieriger, dessen Geschichten zu verstehen und richtig zu interpretieren. Kai Meyer hat mit „Göttin der Wüste“ einen Ausflug in eine Zeit und eine Region unternommen, die den meisten sehr fremd ist.
Als Cendrine Muck im Jahr 1903 in den Süden von Afrika reist, um dort bei einer wohlhabenden deutschen Familie als Hauslehrerin zu arbeiten, hat sie insgeheim andere Gründe. Denn ihr Bruder, mit dem sie eine mehr als spezielle Verbindung hat, ist vor geraumer Zeit ebenfalls nach Afrika gereist, um sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Aber bevor sie nur daran denken kann, sich auf die Suche nach ihm zu begeben, muss sie sich erst auf die neuen Gegebenheiten umstellen. Sie kommt im Haus der Familie Kaskaden an, die Einheimische als Hausdiener angestellt und das Gebäude selbst von einem ehemaligen britischen Forscher übernommen hat. Als Minenbesitzer mit vielen Angestellten haben sich die Deutschen in viele Widersprüche verstrickt, die sich auch in der Familie selbst niederschlagen. Während der Hausherr Philosophie und die antiken Denker schätzt, sieht seine Frau darin eine Gefahr für die Religion. Die beiden Töchter, die Cendrine unterrichten soll, sehen alles als spannendes Abenteuer, während Valerian, einer der beiden Zwillingssöhne, Soldat ist und die Einheimischen nur als Gefahr betrachtet. Der andere Bruder, Adrian, der tatsächlich taub ist, betrachtet das Land aus einer spirituellen Sicht. Als Cendrine sich plötzlich in unbekannten Traumwelten mit einheimischen Schamanen wiederfindet, ihren Bruder wiedertrifft und sich auf die Spuren der Forschungen des Vorbesitzers des Anwesens der Kaskaden begibt, geschieht das inmitten eines großen Chaos. Denn es kündigt sich ein bewaffneter Aufstand einiger Gruppen einheimischer Völker an, die untereinander ebenfalls verfeindet sind.
Was wie ein historischer Roman in einem in Mitteleuropa relativ unbekannten Terrain beginnt, wandelt sich spätestens nach dem ersten Drittel. Einheimische Legenden und die Geschichte des Landes – gerade zur Zeit des deutschen Kolonialismus – werden miteinander verflochten und bilden eine dichte, heiße und mystische Stimmung am Rande der Kalahari. Die Dornstrauch-Savanne, die aufgrund ihres hohen Sandanteils oft als Wüste bezeichnet wird, bildet nur einen Teil der lebensbedrohlichen Gefahren ab, denen die Charaktere ausgesetzt sind. Der mystisch-magische Anteil des Werks, der es deutlich als Phantastik kennzeichnet, ist auf seine Art und Weise mindestens genauso gefährlich, besonders für die junge Cendrine, deren Fokus sich im Laufe der Handlung mehrfach verschiebt. Während sie zuerst nicht zu wissen scheint, was sie möchte, macht sie eine Wandlung durch, nach der sie sich ins Abenteuer stürzt. Was sie dann erlebt, ist jedoch eine große Überraschung, auch für die Leser*innen.
Kai Meyer hat sich mit „Göttin der Wüste“ auf einen anderen Kontinent zu einer anderen Zeit gewagt und vermischt dort gekonnt historische Ereignisse (wie den Aufstand der Einheimischen) und uralte Überlieferungen der in Afrika ansässigen Völker, lange vor der Kolonialisierung und künstlichen Grenzen. Wer sich auf ein Abenteuer einlassen kann, das viele phantastischen Inhalte verarbeitet, ist mit diesem Werk sicher nicht falsch bedient.
„Göttin der Wüste“ ist ein historisch-phantastischer Roman von Kai Meyer im heutigen Namibia des Jahres 1903. Hier werden geschichtliche Ereignisse mit Legenden und Mythologie verknüpft und bilden so ein Abenteuer, in dem man sich verlieren kann und in dem man auch sehr viel neue Überlieferungen kennenlernen kann. Für Fans historisch-phantastischer Literatur kann dieses Werk in jedem Fall empfohlen werden.
Details
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Erschienen:03/2019
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Umfang:495 Seiten
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Typ:eBook
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ISBN 13:9783944866161
