Wenn man aus einer Metropole in die Natur zieht, ist das zwar eine Umstellung, die anstrengend ist, es kann aber auch befreiend wirken. Kehrt man aber aus dem wilden Umfeld wieder zurück in die Zivilisation, ist das möglicherweise eine ähnliche Herausforderung. Im zweiten Band von Becky Chambers „Monk & Robot“ liegt genau diese Reise vor den beiden Hauptcharakteren. Auf Deutsch trägt das Buch den Titel „Ein Gebet für die achtsam Schreitenden“.
Manchmal tut man Dinge, weiß aber nicht genau warum. Dex hatte sich vorgenommen, einen Berg zu besteigen und die ehemalige Residenz eines Eremiten zu besuchen, dabei aber viel mehr gefunden als erwartet. Nämlich den Roboter Helmling, der für sich entschieden hat, nach vielen Jahren der Abgeschiedenheit der Maschinenintelligenzen Kontakt mit der Menschheit aufzunehmen. Nachdem Dex das erste Individuum war, das repräsentativ für die Menschen war, soll nun der Rest folgen. Dex ist skeptisch, denn die offene Art der Maschine lädt potenziell dazu ein, diese auszunutzen. Eine Befürchtung, die sich bei den ersten Begegnungen zum Glück nicht bestätigt. Doch dann gibt es andere Komplikationen. Ein Teil des Gyroskops von Helmling versagt und dieser kann nicht mehr weitergehen. Zwar ist eine Reparatur möglich, doch dies soll nicht auf Kosten von Lebewesen geschehen. Helmling hadert mit seiner Moral und mit seiner Vorstellung von Existenz. Doch das sind längst nicht die einzigen Probleme, mit denen die beiden Charaktere zu tun bekommen. Zu den wichtigsten Herausforderungen zählen die eigene Psyche, Philosophie und bestimmte biologische Prozesse in Baumspitzen, die man problemlos auf menschliches Verhalten umlegen kann.
„Ein Gebet für die achtsam Schreitenden“ trägt im englischen Original den Titel „A Prayer for the Crown-Shy“. Dabei handelt es sich um das biologische Prinzip, warum Bäume nicht ineinander wachsen und in Wäldern Abstand halten. Inwiefern verhält es sich dabei um Menschen und andere Wesen, die gut gedeihen, wenn sie anderen nah, aber doch nicht zu nah sind? Hat das wirklich etwas mit dem achtsamen Schreiten zu tun? Im übertragenen Sinne vielleicht ja – und so gibt es titeltechnisch mit dem ersten Werk auch eine vernünftige Kombination. In jedem Fall geht es im zweiten Kurzroman um Verständnis – für sich selbst wie auch für andere. Es geht um Individualität, Freundschaft und eigene wie fremde Erwartungen. Das macht das Werk lesenswert, obwohl es in gewisser Weise trotz mehr Interaktion mit anderen Charakteren beinahe noch entschleunigter ist als der Vorgänger. Denn selten wird ein Weg geradlinig beschritten, es gibt jeweils Ausflüge in alle Richtungen und man hat alle Zeit der Welt, bevor … ja, was eigentlich. Bevor die Zivilisation Robot und Mensch verschluckt und nie wieder freigibt? Oder ist das etwas, das die Charaktere selbst in der Hand haben?
„Ein Gebet für die achtsam Schreitenden“ ist der zweite Band der Reihe „Dex & Helmling“ und setzt die Geschichte genau da fort, wo sie aufhört. Die offensichtliche Herausforderung dieses Werks lautet: Die Rückkehr in die Zivilisation. Doch die tatsächlichen Schwierigkeiten sind Philosophie, Psychologie und die ewige Frage, was Menschen (und Roboter) brauchen. Ein absolut enschleunigtes und lesenswertes Buch.
Details
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Originaltitel:A Prayer for the Crown-Shy
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Übersetzer*in:Karin Will
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Band:2
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Erschienen:01/2024
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Umfang:182 Seiten
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Typ:Hardcover
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ISBN 13:9783910914124
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Preis (D):18,50 €
