Alle Menschen wollen glücklich sein, so sagt man zumindest. Doch was macht eine Welt, welche das Glücklichsein zur höchsten Maxime erhoben hat, mit einem Menschen, dem dieses Gefühl komplett fern ist? Über Hass, Rebellion, Gelüste und Wissen in einer fragwürdigen Utopie inmitten der Postapokalypse erzählt Faye Hells Roman „Destruktion“. Mit sehr expliziten Worten.
Die Megacity ist groß, aber alle sind glücklich, denn alle haben ihre Aufgaben. Johanna (oder kurz „Jo“) sollte besonders glücklich sein, denn sie hat eine der verantwortungsvollsten Aufgaben im Glücksministerium. Sie darf die täglichen Glücksmomente, von denen alle Menschen stets berichten müssen, sichten und katalogisieren. Manche sind es wert, geteilt zu werden, andere sind verdächtig. Diese Einteilung ist die Aufgabe von Jo, die selbst glücklich sein sollte. Denn das System hat ihr die perfekte Partnerin beschert: Anne. Sie mögen einander, sie lieben einander, auch wenn Anne so schön ist, dass es Jo schmerzt. Und Jo hat noch ein ganz anders Problem. Sie will gar nicht glücklich sein im unablässigen Ascheregen der Welt, ihr liegt das Unglücklichsein viel mehr. Sie will noch ganz andere Dinge. Schmerz und Demütigung gehören dazu. Und was sie auch will, ist Titus. In all seiner perversen und rebellischen Pracht. Denn er ist der Sand im Getriebe des Glückssystems, das er genauso wie sie vernichten will. Und ficken. Genauso wie jedes andere männliche oder weibliche Individuum, mit dem er zu tun hat. Und manchmal ist es so: Man bekommt, was man sich wünscht. Doch wer will das System aus welchem Grund zu Fall bringen? Wer hat wirklich eine Agenda und wer steckt eigentlich hinter allem? Das sind Dinge, mit denen sich Johanna schlussendlich auseinandersetzen muss. Genauso wie die Frage, wie schlimm Glücklichsein eigentlich ist.
Es geht ans Eingemachte, wenn Faye Hell sich der Destruktion eines Idols widmet. Denn der Geschmack von Parmaschinken, der zu lange in der Sonne gelegen hat, hat eine völlig andere Bedeutung für sie. Auch der Grund, warum die Protagonistin es vermeidet, fremde Toilettenanlagen zu verwenden, ist ein anderer als man initial glaubt. Es gibt starke Triebfedern im Buch. Hass, auch auf sich selbst; pures, unzensiertes Wissen und den Widerwillen einem System zu dienen, das jegliche Abweichung ausmerzt. Zwischendurch muss sich Johanna selbst hinterfragen, auch darüber, was sie eigentlich will. Was sie dafür zu opfern bereit ist und aus welchem Grund. Denn möglicherweise macht das irgendwann einen Unterschied. Oder ist die Welt, wie wir sie kennen, in der Ascheschicht eines niemals erlöschenden Feuers, längst verloren? Sollte man beim Lesen glücklich darüber sein, auch unglücklich sein zu dürfen, weil unsere Gesellschaft das noch duldet? Oder sind es bei uns längst andere Glückshormone, die auf verschlungenen Wegen Zugang zu unserem System finden? Manche Fragen davon wirft Faye Hell sehr unverblümt auf, andere muss man sich beim Lesen selbst stellen, wenn Gewalt regiert und dabei Blut und andere Körperflüssigkeiten vergossen werden. Nicht alle davon können eindeutig beantwortet werden.
„Destruktion“ ist ein harter und gnadenloser Roman von Faye Hell, der sich mit Gesellschaft und ihren Normen auf der einen Seite und Menschen, die mit diesen nicht kompatibel sind, auseinandersetzt. Das Ergebnis ist auf sehr vielen Ebenen provokant und verstörend – aber genau das soll das Buch auch sein. Wer bereit ist, sich gleichermaßen mit expliziter Sprache und philosophischen Fragen, verpackt in schockierendes Gewand, auseinanderzusetzen, wird hier lohnende Lektüre finden. Ein Buch, das ganz bestimmt nicht für alle Lesenden geeignet ist.
Details
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Erschienen:10/2025
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Typ:Taschenbuch
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Altersempfehlung:18 Jahre
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ISBN 13:9783903296923
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Preis (D):13,99 €
