Zwischen Licht und Dunkel: Märchen neu erzählt
Märchenabend in der Buchhandlung List
Beitrag von Stefan Cernohuby | 24. Februar 2026
Klassische Märchenstoffe lassen sich auf die unterschiedlichsten Arten neu interpretieren. Den Kern der Handlung bestehen zu lassen oder einzelne Charaktere zu extrahieren und diese in neue Settings einzubinden, sind nur zwei Möglichkeiten. In der Buchhandlung List in Wien wurden an einem Märchenabend mit dem Titel „Zwischen Licht und Dunkel: Märchen neu erzählt“ zwei moderne Märchenadaptionen präsentiert, die auf den ersten Blick gar nicht viel gemeinsam hatten. Doch der Schein kann trügen.
Die Buchhandlung List und das Phantastik-Autor*innen-Netzwerk PAN luden zu diesem Märchenabend ein, an dem T.S. Orgel und Barbara Schinko zwei Werke vorstellten und durch die Moderation von Eleanor Bardilac sehr tief in ihren Schreib- und Rechercheprozess blicken ließen.

T.S. Orgel, also die (Ge-)Brüder Tom und Stephan Orgel, präsentierten ihre Neuerscheinung „Deadly Ever After“. Ein Werk, das in einer Fantasywelt angesiedelt ist und die Stoffe mehrerer Märchen integriert hat. Die Handlung beginnt geraume Zeit nach dem Ende einer bekannten Erzählung („Und sie lebten glücklich bis an ihr Ende“) und fragt dann aber nach dem „Danach“. Denn das ist das Problem.

Barbara Schinko hat in ihrem Jugendroman „Schneeflockensommer“einen ganz anderen Ansatz gewählt. Aus der Sicht einer Jugendlichen in einer Notsituation zeichnet sie das Leben in einem typischen kleinen Dorf, wie es überall existieren könnte (und vermutlich auch tut), stellt dort die archetypischen Charaktere vor und legt diese auf Märchencharaktere um.

Diese beiden Handlungen klingen so, als hätten sie absolut nichts miteinander zu tun. Tatsächlich ist es aber so, dass in den beiden Romanen gewissermaßen die gleichen Charaktere wichtige Rollen spielen. Sowohl eine Interpretation der Frau Holle als auch Hans im Glück und der Jäger spielen in beiden Werken eine große Rolle. Zudem werden sie in beiden Romanen anders dargestellt als in den klassischen Märchen, die natürlich eine überzeichnete Schwarz-Weiß-Malerei aufweisen. Niemand ist nur gut und niemand ist nur böse.

In einem realistischeren Setting (egal ob es sich nun um eine Fantasywelt oder ein kleines österreichisches Dorf nahe einem großen Wald handelt), müssen sich Personen mit ihrer Situation und dem Umfeld beschäftigen, machen Fehler und müssen mit diesen auch leben.
Tom und Stephan Orgel erzählten noch einiges über ihren gemeinsamen Schreibprozess, während Barbara Schinko verriet, wann sie sich für Märchen zu begeistern begann. Nach Gespräch und Lesung gab es noch etliche Fragen aus dem Publikum und danach wurden Bücher signiert.

Der Abend war ein voller Erfolg, auch wenn die widrige Witterung der vorangegangenen Tage – Wien war aufgrund von über 15 cm Schneefall in einem Ausnahmezustand – dazu führte, dass die Reihen nicht vollständig gefüllt waren. Doch alle Anwesenden waren begeistert und froh, sich selbst mit den Autor*innen und dem Märchenstoff näher befasst zu haben. Denn eines ist klar: Märchencharaktere müssten in der realen Welt vieles anders machen.