Proteo Laurenti

Scherbengericht


Commissario Laurenti vergeht der Appetit
von Veit Heinichen
Rezension von Manfred Weiss | 29. Oktober 2017

Scherbengericht

Triest und kulinarische Genüsse, garniert mit Kriminalfällen und politischer Intrige, zum Abschluss Espresso und ein Besuch bei der Familie des Kommissars. Es ist angerichtet. Wenn da nicht, wie der Titel des Romans schon sagt, ein Scherbengericht nach der unvermeidlichen Rache schreien würde.

Zeitgleich mit der Veröffentlichung der Taschenbuchausgabe von „Die Zeitungsfrau“, des vorherigen Bandes der Krimireihe um Commissario Proteo Laurenti, erscheint bereits der nächste Fall des Detektivs aus Triest. Mit der Andeutung im Untertitel, dass dem bekannt genussfreudigen Commissario diesmal der Appetit vergeht. Doch keine Angst, so weit kommt es nicht. Im Zentrum des Geschehens steht die Geschichte des Kochs Aristeides Albanese, genannt “Der Grieche“. Vor siebzehn Jahren ist er von Mitgliedern der besseren Gesellschaft Triests zu Unrecht beschuldigt und von der Justiz zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt worden. Jetzt ist er wieder auf freiem Fuß und zurück in Triest. Unweit des Gerichts, in dem er damals verurteilt worden ist, will er nun gemeinsam mit seinem pakistanischen Partner Aahrash ein neues Lokal aufsperren. Und nebenbei findet er auch Zeit sich Schritt um Schritt bei all jenen zu revanchieren, die ihn damals ins Gefängnis gebracht haben.

Die richtige Würze ...

Einmal mehr schafft es Veit Heinichen in “Scherbengericht” ein lebendiges und detailreiches Bild von Triest zu erschaffen. Auch wenn die Handlung in ihrem Kern diesmal eher absurd erscheint, mit einem Koch, der heimlich in Wohnungen und Häuser einsteigt, dort kocht. Die jeweiligen Bewohner kommen dann mehr oder minder kurz danach nach Hause und essen das überraschend Zubereitete. Und verderben sich dabei ordentlich den Magen und manchmal noch mehr.

Aber rund um diese eigenartig anmutende Handlung baut Veit Heinichen ein stimmiges Gemälde unserer Zeit, mit einem Blick auf Flüchtlingskrise, auf politische Korruption und Verantwortungslosigkeit sowie auf die generelle wirtschaftliche und gesellschaftliche Unrast in Zeiten verstärkter Internationalisierung und Globalisierung.

... in einem mehr als nur kulinarischen Triest

Wer diesmal fast zu kurz kommt, sind der Commissario und seine Familie selbst. Teil der Proteo Laurenti Romane war ja seit jeher auch die - man mag es “Sitcom” nennen - Geschichte der näheren und ferneren Familie des Commissarios. Diesmal ist so viel Handlung im Zentrum der Geschichte, dass kaum Zeit bleibt für Frau, Kinder und Schwiegermutter. Am meisten noch für Sohn Marco, der als Koch mit seinem Beruf der Handlung am nächsten steht. Auch für die Kolleginnen und Kollegen in der Präfektur bleibt nur wenig Raum, wobei aber zumindest für Chefinspektorin Pina Cardareto eine schöne Verfolgungsjagd mit dabei ist.

Auch sonst ist wieder alles dabei, was schon die bisherigen Romane ausgemacht hat. Gewissenhafte Recherche, genaue Beobachtung, spannende Handlungsorte vom Zentrum Triests, bis zu einer Flüchtlingsunterkunft und verschiedene Wohnsilos am Rande der Stadt. Auch die Nebenfiguren sind fein ausgewählt und lebendig beschrieben. Dazu viele sehr plastisch geschilderte Situationen mit immer wieder überraschenden Wendungen. Diesmal ist es ein Proteo Laurenti Roman der Fülle geworden, aber eben mit der kleinen Schwäche einer in ihrem zentralen Punkt recht unglaubwürdigen Grundhandlung. Wie gesagt, wer kommt nach Hause und isst einfach was frisch zubereitet auf dem Tisch steht, auch wenn man nicht weiß von wem dies gekocht wurde.

“Scherbengericht” ist ein feiner Roman für alle Fans der Krimiserie um Commissario Laurenti. Der eine oder andere wird enttäuscht sein, dass diesmal so wenig Raum für die Rahmenhandlung rund um die Familie des Commissarios bleibt, aber dafür gibt es im Zentrum des Geschehens mehr als genug Kriminalistisches. Auch Triestliebhaber kommen sicher voll auf ihre Rechnung. Als Einstiegsroman in die Serie bietet sich “Scherbengericht” allerdings nicht unbedingt an. Dafür wird doch bereits zu viel Wissen vorausgesetzt. Aber als Appetitanreger passt das Buch, trotz des Untertitels, allemal gut.

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Bewertung

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