In der ersten Reihe sieht man Meer

von Volker Klüpfel, Michael Kobr
Rezension von Janett Cernohuby | 06. Juni 2017

In der ersten Reihe sieht man Meer

Unaufhaltsam rücken der Sommer und der damit verbundene Urlaub näher. Die Vorbereitungen sind oft sehr stressig, die Reise eine absolute Zerreißprobe, der Aufenthalt mit seinen Höhen und Tiefen dann aber ein einzigartiges Erlebnis. Urlaube bringen nicht nur Erholung und Entspannung, sie erinnern uns auch an alte Zeiten, in denen wir noch mit unseren Eltern den ganz normalen Urlaubswahnsinn erlebt haben. "In der ersten Reihe sieht man Meer" ist genau ein solcher Rückblick des Autoren-Dreamteams Klüpfel und Kobr.

Teutonengrill, Schnitzel und Filterkaffee

Erinnern wir uns doch einmal zurück an die Kindheit. Als wir nachts um 3 Uhr aufstanden, die Butterbrote für unterwegs schmierten und Filterkaffee kochten, um dann im frühen Morgengrauen im vollbeladenen Auto loszufahren, eingepfercht auf der Rückbank. Ziel der Reise war das Urlaubsparadies der 80er Jahre, die Adria. Dieses Erlebnis, dieses Abenteuer Familienurlaub darf Familienvater Alexander Klein noch einmal miterleben, als er über alten Fotoalben seiner Kindheit einnickt und in das Jahr seines ersten Italien-Urlaubs zurückversetzt wird.

Komisch, witzig und voller Erinnerungen

Urlaubsstress ade, wird jeder sagen, der dieses Buch gelesen hat. Denn hier geht es gleich auf den ersten Seiten mit allzu gut bekannten Streitigkeiten los, die wohl zu jedem Urlaub dazugehören. Mutter wähnt sich allein mit allen Vorbereitungen, Vater erntet für seine Arbeit nur Tadel und ist am Abend vor der Abreise der letzte, der ins Bett kommt. Der Protagonist dieses Buchs schafft nicht einmal das, denn er schläft über alten Fotoalben ein und erwacht 30 Jahre in der Zeit zurückversetzt. Als er selbst noch Kind war und mitten in der Nacht zum ersten Italienurlaub seines Lebens aufbrach.
Für den Leser ist das der Start in ein herrlich komisches, unterhaltsames und witziges Lesevergnügen. Denn hier wird mit allem aufgeräumt, was in den 80ern zum guten Ton gehörte. Mit viel Selbstironie und zahlreichen Klischees zeichnen Klüpfel und Kobr das Bild einer typischen deutschen Familie, die sich in den Sommerurlaub begibt. Mit allem, was dazugehört. Während des Lesens wird sich so mancher dabei ertappen, wie er Passagen und Ereignisse mit "ja stimmt" oder "oh ja, genau so war es damals" kommentiert. Man schwelgt in Erinnerungen, schüttelt so manches Mal den Kopf, sehnt sich aber dennoch wieder zurück - zumindest wenn man zu jener Generation gehört, die damals großwurde. Doch auch für diejenigen, die nicht in den 80er aufwuchsen, hält das Buch viele humorvolle und komische Szenen bereit.
Die Charaktere sind sehr unterschiedlich ausgearbeitet, aber ebenfalls eine ganz normale Familie jener Zeit. Der Vater als Familienoberhaupt mit seiner bestimmenden, ruppigen Art, aber doch sehr sympathisch, die Mutter, die es entweder besser weiß oder dennoch macht, was sie will, die zickige Tochter und der pubertierende Sohn. Wobei letzterer nicht ganz so kindlich ist, schließlich ist sein 30 Jahre älteres Ich in dem jungen Körper gefangen. So kommt es zu manchem Patzer, der den Protagonisten dann in Erklärungsnot bringt und den Leser zum Lachen.
Alles in allem erlebt man auf diesen knapp 320 Seiten viel Komisches, viel Klischeehaftes und manches, das an die eigene Kindheit zurückerinnert.

"In der ersten Reihe sieht man Meer" ist ein großartiger  Urlaubsschmöker, ein Sommerroman der einstige Familienurlaube heraufbeschwört, den Leser bei der Hand nimmt und zu einem kleinen Ausflug in die 1980er einlädt. Als man noch hunderte von Kilometern zu fünft im Familienauto ohne Klimaanlage fuhr, als es auf dem Weg nach Italien noch zwei Grenzen zu überwinden galt und das Urlaubsgeld in fremder Währung ausgegeben wurde. Wer sich auf diese Reise in die Vergangenheit und an die Adria begibt, bekommt garantiert viel zu Lachen und auch ein bisschen zum Schwelgen in alten Erinnerungen.

Details

Bewertung

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