Die Nacht, als ich sie sah

von Drago Jančar
Rezension von Stefan Cernohuby | 14. November 2017

Die Nacht, als ich sie sah

Der slowenische Autor Drago Jancar begibt sich nach einigen Romanen mit fernerem historischen Hintergrund („Katharina, der Pfau und der Jesuit“, „Der Galeerensträfling“) mit seinem Werk „Die Nacht, als ich sie sah“ auf zeitgeschichtlich brisanteren Boden. Wie sehr die behandelte Thematik auch noch im gegenwärtigen Slowenien verstörend und präsent ist, zeigt die Tatsache, dass 2015 – also vier Jahre nach dem Erscheinen des slowenischen Originals – erst endgültige forensische Klarheit über jene Begebenheiten aus dem Jahre 1944 zu Tage trat, die die Vorlage für diesen Roman bilden.

Die Handlung kreist trabantenhaft um die junge slowenische Kosmopolitin und Femme Fatale Veronika Zarnik, deren Lebensphase zwischen 1938 und 1944 aus der Perspektive von gleich fünf Zeitzeugen aus völlig unterschiedlicher persönlicher und zeitlicher Distanz bruchstückhaft zusammengesetzt und nachempfunden wird: der serbische Kavallerieleutnant und Reitlehrer, mit dem sie geradezu klassisch das Sujet „Affaire und Skandal“ durchdekliniert; die greise Mutter, die voller Selbstvorwürfe und Selbsttäuschungen in ihre Fotoalben-Scheinwelt flüchtet; der etwas mehr als freundschaftlich verbundene deutsche Wehrmachtsarzt, der sich nachträglich gegen aufkommende Gewissensbisse zu verteidigen sucht; die ehemalige slowenische Haushälterin, die aus dem Schleier der jahrzehntealten Erinnerungen verstörende Details und Zusammenhänge hervorzerrt und schließlich der bäuerliche Hausarbeiter und Partisanen-Veteran, der viele Jahre danach anlässlich der Beerdigung eines Kameraden für die Leserschaft die letzten wichtigen Mosaiksteinchen für das Verständnis dieser so verhängnisvollen Jänner-Nacht 1944 eher widerwillig komplettiert. Alle diese fünf stakkatoartig aufeinanderfolgenden und in sich isoliert stehenden Ich-Erzählblöcke (zu je 25 bis 50 Seiten) steuern gezielt und mit crescendohafter Dynamik auf die Geschehnisse jener Winternacht 1944 zu, wo sich in einer slowenischen Burg die Spuren von Veronika und ihrem Ehemann im Dunkel der Nacht, der Wälder und letztendlich im Schweigen der Nachkriegszeit verlieren.

„Die Nacht, als ich sie sah“ könnte durchaus auch einen romantischen Liebesroman suggerieren. Diese Vermutung wird anfangs noch gar nicht so eindeutig widerlegt, wo eine verheiratete gelangweilte Society-Lady sich (zeitweise) und ihren Reitlehrer (dauerhaft) ins Unglück und Verderben stürzt. Aber bald wird klar, dass dieser Roman karussell- und albtraumhaft dieThemen Kollaboration, Schuld, Verrat, Rache, Parteilichkeit in Kriegs- und Krisenzeiten trianguliert und auch durcheinanderwirbelt, wo tradierte Lebenskonzepte und Moralvorstellungen hinfällig sind. So sind die stärksten Momente dieses Werkes jene Passagen, in denen verfestigte Werturteile subtil relativiert werden. Waren die Nazis immer und überall die „Bösen“? Waren die Tito-Partisanen (man beachte Drago Jancars persönlich erlebte Repressalien im Jugoslawien der 1970er Jahre) immer und überall die „Guten“? Was war mit der freiwillig kollaborierenden oder zwangsrekrutierten Zivilbevölkerung? Was war mit jenen, die sich für keine Seite deklarieren, sondern „einfach nur leben wollten“ (Zitat S. 107)? Solche Fragen versucht Jancar kontroversiell zu beantworten, angesiedelt im Slowenien 1938/1946, wo sich anstelle des großen Frontkrieges viele kleine unübersichtliche Scharmützel abgespielt haben. Etwas gewöhnungsbedürftig, weil den Lesefluss irritierend, ist die Eigenart Jancars, das Instrument der direkten Rede nicht mit den üblichen Anführungszeichen, sondern durch bloße Kommasetzung zum Ausdruck zu bringen.

Der kompromisslose Perspektivenwechsel, das Fehlen jeglicher moralischen Leitplanke sowie die dynamische Handlungsbeschleunigung (realer Bezug in die slowenische Gegenwart) machen dieses Buch empfehlenswert für Leser und Leserinnen, die bereit sind, sich auf einen ergebnisoffenen Diskurs einzulassen: Wie hätte ich gehandelt? Für wen hätte ich – wenn überhaupt – Partei ergriffen? Diese Leserschaft wird wohl auch eher in Kauf nehmen, dieses Buch nicht nur aufgewühlt, sondern auch letztlich ratlos weiterwirken zu lassen. Wer sich jedoch Spannung oder Erkenntnisgewinn durch ein klassisches (Zeit-)Geschichte-Panoptikum oder eine Kriminalgeschichte mit eindeutiger „Auflösung“ erwartet, wird wohl kaum zu einem Anhänger dieses Buches werden.

Details

  • Originaltitel:
    To noč sem jo videl
  • Verlag:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    09/2015
  • Umfang:
    200
  • Typ:
    Hardcover
  • ISBN 13:
    9783852566702
  • Preis:
    19,90 €

Bewertung

  • Gesamt:
  • Spannung:
  • Anspruch:
  • Gewalt:
  • Gefühl: