Der Earl von Gaudibert


Eine Novelle
von M. W. Ludwig
Rezension von Stefan Cernohuby | 05. Dezember 2017

Der Earl von Gaudibert

Märchen, Romane und Novellen über Personen, welche die Wahrheit gerne etwas ausschmücken, sind keine Seltenheit. Einige von ihnen erfreuen sich auch nach Jahren, Jahrzehnten und Jahrhunderten noch immer großer Beliebtheit. Im Zentrum einer im Art Skript Phantastik Verlag erschienene Novelle steht ein genau solcher Mann. „Der Earl von Gaudibert“ ist der Protagonist derselben, von dem Autor M. W. Ludwig zu erzählen weiß.

Graham McPherson ist ein wahrer englischer Gentleman. Daher gibt es viele Dinge die er naturgemäß mag und andere, die er verabscheut. Unglaube und Zweifel an seinen Erzählungen gehören definitiv zu den weniger beliebten Punkten auf seiner Liste. Als Vincent St.-John Smythe seine Geschichte über einen Mondbesuch offen als Schwindel bezeichnet, bleibt ihm als Gentleman nichts anderes übrig als eine Wette. Innerhalb eines Monats soll er beweisen, dass es sich keineswegs um eine Räuberpistole gehandelt hat, sondern um einen Tatsachenbericht. Und das, obwohl die Geschichte natürlich frei erfunden war – was ein Gentleman aber natürlich nie zugeben würde. So wirkt die Situation erst einmal komplett aussichtslos, bis McPherson durch einen Unfall auf den Trickbetrüger Suggs und über dessen weitere Kontakte auf die thailändische Expertin für Pyrotechnik Gann Li-Penn stößt. Gemeinsam versuchen sie das Unmögliche möglich zu machen. Im Jahr 1895 eine Geschichte wahr werden zu lassen, wie sie sonst nur von Jules Verne oder Arthur Conan Doyle erzählt werden...

Der Baron von Münchhausen, Professor Aronnax und John Watson sind allesamt Charaktere, die von ihren Abenteuern erzählt haben. Abenteuern, denen man nicht ganz so wirklich glauben kann. Und sie haben weiter gemeinsam, dass sie alle literarische Gestalten sind und dementsprechend nur in phantastischen (und kriminalen) Werken existieren. Auch Graham McPherson, der Earl von Gaudibert (einem Mondkrater) reiht sich nahtlos in diese Aufzählung ein. Die Geschichte schafft es mit witzigen Situationen, gelungenen (Neben)Charakteren und komischen Dialoghälften zu Punkten. Zwar ist man an der einen oder anderen Stelle ein wenig übers Ziel hinausgeschossen („Einem gutgläubigen Zeitgenossen aus Manchester haben Sie als Noel Gallagher eine Oase verkauft…“), aber insgesamt liest sich das Werk sehr flüssig und kann mit der einen oder anderen Überraschung aufwarten. Zwar kann man schon früh vermuten, wie zumindest die Geschichte für die zwei der Hauptcharaktere ausgeht, aber das kann einem dennoch den restlichen Lesespaß auf den knapp 200 Seiten nicht verderben. „Der Earl von Gaudibert“ ist definitiv eine amüsante Novelle, die man sich mit gutem Gewissen zu Gemüte führen kann, insbesondere angesichts Preis-Leistungs-Verhältnisses. Für fünf Euro bekommt man selten ein schön anzusehendes Buch, das noch perfekt in die Jackentasche passt und somit an kalten Wintertagen in Bus und Bahn hervorgeholt werden kann.

„Der Earl von Gaudibert“ ist eine amüsante steampunkige Novelle von M. W. Ludwig, mit der man als Leser viel Spaß hat. Sein flapsiger und absichtlich überzogener Schreibstil lassen das Buch viel zu schnell zu Ende sein – was aber bei den knapp 200 Seiten natürlich absehbar ist. Wir können das Werk, bei dem man für 10 Euro sogar zwei Exemplare erhalten würde (vielleicht freut sich ja jemand anders darüber), wärmstens als Büchlein für Zwischendurch empfehlen.

Details

Bewertung

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