Das ganze Leben da draußen

von Nina Sahm
Rezension von Katrin Hof | 08. November 2016

Das ganze Leben da draußen

Sich selbst zu finden und zu wissen, wer man ist und wohin man möchte, ist eine schwierige Reise. Man fragt sich, welchen Weg man einschlagen soll. Ist man überhaupt schon bereit dafür? Soll man seinen eigenen Weg gehen, Spuren hinterlassen und das machen, wonach man sich sehnt? Oder soll man der Fährte der anderen folgen, sich anpassen und mit dem Rudel mitziehen, um dazuzugehören? Nina Sahms klangvolles Buch „Das ganze Leben da draußen“ beleuchtet diese Widersprüche.

Island ist ein Land, das gegensätzlicher nicht sein könnte. Atemberaubende Landschaften wechseln sich mit kargen Kulissen ab. Genau an diesem Ort spielt die Geschichte zweier junger Frauen, die am Weg zur Selbstfindung sind. Elín ist ein junges, verträumtes Mädchen, das sich weltabgewandt und einzelgängerisch der Fährte von Füchsen widmet. Sie wirkt auf ihre Mitschüler eigenwillig und ist ständig in Gedanken versunken. Sogar ihr einziger, bester Freund wendet sich von ihr ab. Ihre Lehrerin Alfa, die Schwierigkeiten hat, mit dem Suizid ihres Großvaters umzugehen, versucht vergebens einen Zugang zu ihr zu finden. Während beide Frauen davon träumen, sich aus dem Alltag zu stehlen und die Welt da draußen neu zu entdecken, kreuzen sich ihre Wege. Sie werden dabei von Menschen begleitet, die ihren Blick auf die Welt und auf sich selbst verändern. Elín und Alfa erkennen, dass aus Distanz und dem Gefühl, ein Außenseiter zu sein, Verbundenheit entstehen kann, wenn man sich gemeinsam auf ein neues Abenteuer einlässt.

So gegensätzlich wie Islands Landschaften sind auch die Protagonistinnen im Roman „Das ganze Leben da draußen“ von Nina Sahm. Es scheint so, als hätte die Autorin bewusst diesen Ort ausgewählt, denn auch die beiden Frauen Elín und Alfa sind auf ihre Art sehr eigen. Sie befinden sich in unterschiedlichen Lebenslagen und tief in ihrem Innersten verbirgt sich die Sehnsucht nach mehr Lebendigkeit und Abenteuern. Während die junge Elín draufgängerisch und hungrig nach dem Leben da draußen unerschlossenen Fährten folgt und dabei immer wieder die Orientierung sowie ihren besten Freund verliert, kann Alfa ihren gewohnten Weg durch den Verlust ihres Großvaters nicht mehr weiterverfolgen. Plötzlich wird das Beständige zu etwas Vergänglichem. Der vertraute Weg, der gemeinsam gegangen wurde, wird für beide Frauen zu einem verlassenen Pfad mit Stolpersteinen. Der Leser fragt sich, was es für einen selbst bedeuten würde, wenn man an so einer Weggabelung steht, schließlich gehören Verluste, Momente der Einsamkeit, Neuanfang, Sinnsuche und kritisches Hinterfragen zum Leben jedes Einzelnen. Man muss sich nicht unbedingt mit den außergewöhnlichen, eigensinnigen Charakteren identifizieren, um zu erkennen, um welche Inhalte es in diesem Buch geht. Dass der richtige Zeitpunkt zur Erschließung neuer Pfade gekommen ist, wenn man in alten Mustern verharrt und das Gefühl hat, sich zu verirren. Dass jeder Verlust einen Neubeginn in sich birgt. Dass es Mut und Eigensinn braucht, um seiner eigenen Fährte zu folgen. Dass es Menschen gibt, die einen so annehmen, wie man ist. Dass Einsamkeit überwunden werden kann, indem man sich der Ausgrenzung stellt und auf andere zugeht. Nur dann können ungewöhnliche Freundschaften entstehen, die ganz unverhofft, still und heimlich der Wegweiser in eine neue Richtung sind.

„Das ganze Leben da draußen“ von Nina Sahm ist ein glanzvoller, besinnlicher Roman, der leise nachwirkt und uns mit der existenziellen Frage „Wohin führt mein Weg?“ zurücklässt. Der Leser taucht in die Welt von zwei Außenseitern ein, die beide auf der Suche nach der richtigen Fährte sind. Es ist ein besonderes Buch mit Tiefgang, das die Widersprüche in uns selbst auflösen kann.

Details

  • Autor/-in:
  • Verlag:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    10/2016
  • Umfang:
    288 Seiten
  • Typ:
    Taschenbuch
  • ISBN 13:
    9783426305638
  • Preis:
    14,99 €

Bewertung

  • Gesamt:
  • Anspruch:
  • Gefühl: