Heute leben wir

von Emmanuelle Pirotte (Sprecher)
Rezension von Janett Cernohuby | 19. Mai 2017

Heute leben wir

Unmenschlichkeit, Grausamkeit und Brutalität waren wohl zu keiner Zeit so weit verbreitet wie während des zweiten Weltkriegs. Millionen Juden wurden in KZs gesteckt, zur Zwangsarbeit gezwungen, behandelt wie Dreck und letzten Endes methodisch abgeschlachtet. Menschlichkeit kann man sich in dieser Zeit kaum vorstellen, und doch gab es sie. Von einem kleinen Stück Menschlichkeit erzählt Emmanuelle Pirotte in ihrem Buch "Heute leben wir", das von Bibiana Beglau in seiner Hörbuchfassung gelesen wird.

Ein Kriegswinter, ein jüdisches Mädchen und ein SS-Offizier

Wir finden uns in den letzten Kriegsmonaten des Jahres 1944, als die deutschen Streitmächte versuchten, in der sogenannten Ardennenoffensive die Alliierten in die Knie zu zwingen. Doch das ist nicht Schauplatz für das, was sich in diesem Roman abspielt. Denn in ihm geht es um das jüdische Mädchen Reneé, das seit sie denken kann, auf der Flucht ist. Auf der Flucht vor den Nazis, die bereits ihre Familie geholt haben und die vermutlich nicht mehr am Leben ist. Immer häufiger muss sie ihr Versteck wechseln, wird von einer Familie zur nächste geschoben. Als ein Auto mit vermeintlich amerikanischen Soldaten vorbeifährt, setzt der Pfarrer das Mädchen einfach zu ihnen, nicht ahnend, dass es sich hierbei um einen die Amerikaner infiltrierenden SS-Offizier handelt. Doch als der das Mädchen erschießen will, bewirkt ein Blick aus ihren tiefschwarzen Augen, dass Matthias sie nicht tötet, sondern zu retten versucht...

Intensiv, gefühlvoll, kraftvoll

Emmanuelle Pirotte schrieb mit ihrem historischen Roman "Heute leben wir" eine unglaublich intensive Geschichte. Die Autorin ist weder sentimental noch reißerisch, wenn sie von dem erzählt, was zwischen dem Mädchen Reneé und dem Offizier Matthias geschieht. Reneé ist ein Kind von sechs oder sieben Jahren, das in seinem jungen Leben vermutlich schon viel zu viel Leid und Schmerz erlebt hat. Sie ist Mädchen, dessen Leben in größter Gefahr ist, das nirgends ein Zuhause findet sondern ständig auf der Flucht ist - immer in der Hoffnung, sich vor den Nazis und deren sinnlosem Morden zu verstecken.
Matthias ist der Gegenpart hierzu. Er ist der Feind, das Böse, der Nazi. Er ist skrupellos und kaltherzig, kann sich zwar mit dem Gedankengut der Nazis nicht ganz identifizieren, folgt ihnen aber trotzdem in blindem Gehorsam. Doch dann trifft er auf dieses Mädchen, diese Jüdin, die er eigentlich sofort erschießen müsste. Eigentlich, denn irgendwas ist an diesem Kind, dass sein innerstes berührt. Das ihn dazu bringt, sich völlig anders zu verhalten, als es ihm beigebracht wurde. Das ihn dazu bringt, zu einem Abtrünnigen zu werden und seine Befehle zu missachten. Deswegen wird er aber dem Leser nicht sympathischer. Er bleibt eine unbeliebte Person, selbst wenn er Reneés Leben zu schützen versucht. Er bleibt der Nazi, der Soldat, der die Amerikaner infiltrieren soll.
Emmanuelle Pirotte erzählt in ihrem Buch eine Episode aus dem Krieg. Sie zeigt eine Momentaufnahme, ohne zu viel über die Zeit vor dieser Begegnung und der Zeit danach zu sprechen. Es gibt auch keine Erklärung, warum das Mädchen das Herz des Soldaten berührt. Es ist einfach so. Die Handlung lebt von dem, was gezeigt wird, was jetzt geschieht. Sie erzählt von der Zeit voller Unmenschlichkeit, in der die Unterdrückten aber erstrecht zusammenrücken, um sich gegenseitig zu unterstützen. Um zu helfen, wo sie können, um zu lindern, was gelindert werden kann. Und dieser Augenblick, den die Autorin hier zeigt, ist das, was den Leser berührt. Was ihn zuhören und mitfühlen lässt.
Gelesen wird das Hörbuch von Bibiana Beglau. Meisterhaft taucht sie in das Geschehen ein, berichtet, beschreibt, erzählt. Sie gibt den Menschen der Handlung eine Stimme, erweckt sie zum Leben und lässt sie ihre Geschichte erzählen. Dadurch wird die eh schon sehr dichte Handlung noch atmosphärischer.

"Heute leben wir" ist ein starker und sehr intensiver Roman über ein jüdisches Mädchen und einen deutschen Offizier. Es ist eine Geschichte von Hoffnung und Menschlichkeit in einer Zeit, in der beides nicht zu finden war. Der Roman berührt, ergreift und nimmt den Hörer mit auf eine Zeitreise in die Ardennen. Die tolle Sprechleistung von Bibiana Beglau lässt die Geschichte darüber hinaus zu einem wahren Hörgenuss werden.

Details

Bewertung

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