Eine Wiese für alle

Antolin Quiz
von Hans-Christian Schmidt, Andreas Német (Illustration)
Rezension von Janett Cernohuby | 14. September 2020

Eine Wiese für alle

Das Flüchtlingsthema ist nicht neu. Es begleitet uns seit Anfang 2015, als viele Menschen nach Europa flüchteten. Seither kämpfen die einen für eine bessere Situation für all jene Menschen, die ihre Heimat aufgrund von Krieg oder Verfolgung verlassen mussten und immer noch müssen, die anderen versuchen das Problem zu ignorieren. Es gibt zahlreiche Kinderbücher, die sich diesem Thema angenommen haben. Doch wohl keines davon ist so emotional, ergreifend und auch direkt, wie Hans-Christan Schmidts und Andreas Némets „Eine Wiese für alle“.

Helfen oder nicht?

Hier wird keine Geschichte im klassischen Stil erzählt. Keine Geschichte, die tragisch beginnt, zwischendurch beschwerlich wird und dann gut endet. Nein, hier wird eine Situation dargestellt und am Ende gefragt, wie die Betrachterin oder der Betrachter sich verhalten würden. Was in dessen Augen die richtige Entscheidung ist.
Was erzählt die Parabel?
Wir befinden uns auf einer schönen, grünen Weide. Überall stehen Schafe, sind glücklich und fressen ihr grünes Gras. Eines Tages sehen sie im Meer ein anderes Schaf, das in einem löchrigen Boot sitzt und in Not geraten ist. Was will das Schaf? Warum ist es hier? Warum ist es mit einem kaputten Boot gekommen? Wie kann man ihm helfen, nicht unterzugehen? Was am Ende tun?

Eine Wiese für alle

Wichtiger als je zuvor

Europa steht gerade wieder vor dieser Frage. Was tun? Denn das Flüchtlingslager Moria ist abgebrannt. Die Menschen, die dort ohnehin in katastrophalen Verhältnissen lebten, haben nun noch mehr verloren. Was tun, Europa? Helfen, klar. Doch wie? Vielleicht könnten wir ein paar Bretter und Steine hinschicken, damit die Leute sich neue Unterkünfte bauen können. Oder neue Zelte. Vielleicht auch etwas Kleidung und Essen dazustellen. Etwas Spielzeug für die Kinder.
Was tun?
Diese Frage richtet Autor Hans-Christian Schmidt an die Leserschaft. Bei ihm geht es aber nicht um Menschen. Er verlagert das Flüchtlingsthema in die Tierwelt und stellt es auf eine Weide mit Schafen. Dadurch kann er die Botschaft, die Frage, um die es geht, auf den Punkt bringen. Ohne Wenn und Aber. Jemand ist in Not, was tut man? Rettet man ihn? Überlässt man ihn seinem Schicksal und sich selbst? Der Autor spricht die Leserinnen und Leser direkt an. Fragt, was sie tun würden, was sie denken. Es sind wir Leserinnen und Leser, die diese Geschichte zu einem Ende bringen. Wir können das Buch an einer bestimmten Stelle einfach zuklappen und das fremde Schaf seinem Schicksal überlassen. Wir können aber auch weiterblättern und dem fremden Schaf helfen. Wofür entscheidet man sich? Für seine eigene Komfortzone oder für Menschlichkeit?

Eine Wiese für alle

So direkt, offen, schlicht und einfach wie Hans-Christian Schmidt diese Parabel erzählt, so sind auch Andreas Némets Illustrationen: schlicht, nüchtern und dennoch tiefgründig. Ohne Schnickschnack, ohne Ausschmückungen zeichnete er die Weide am Meer, auf der wohlbehütet viele Schafe leben. Unten drunter, im Meer, kämpft ein einzelnes Tier ums Überleben. Diese Bilder sagen mehr als tausend Worte, sagen das, was der Autor bewusst nicht erwähnt hat. In Kombination lassen sie ein Bilderbuch entstehen, das man nicht einfach nur liest, über das man nicht nur kurz spricht. Es ist ein Buch, das uns wachrüttelt. Das uns herausfordert und anregt, über die Ereignisse nachzudenken. Jetzt im Zusammenhang mit dem Brand in Moria, aber auch darüber hinaus. Es ruft uns in Erinnerung, was Menschlichkeit ist, was Hilfsbereitschaft und Nächstenliebe bedeuten.

Eine Wiese für alle

„Eine Wiese für alle“ ist ein Bilderbuch, das, ohne es geplant zu haben, zu einem wichtigen Zeitpunkt erschienen ist. Es greift nicht nur die Flüchtlingsthematik auf, es führt uns auch vor Augen, was in Vergessenheit geraten ist: Menschlichkeit, aktive Hilfe. Herzergreifend und herausfordernd sprechen uns die Autoren an und zwingen uns dazu, eine Entscheidung zu treffen: Retten oder im Stich lassen?

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