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Bernd Flessner im Interview auf der Leipziger Buchmesse 2019

„Die Erfindung der phonetischen Schrift und die Erfindung des Buchdrucks sind einfach sensationell.“

Beitrag von Janett Cernohuby | 11. April 2019

Auf der BUCH WIEN trafen wir uns mit Bernd Flessner, um über seine neuesten Werke zu sprechen. Leider stand die Zeit nicht auf unserer Seite, sondern verging viel schneller, als wir unsere Fragen stellen konnten. Kein Problem, denn auf der Buchmesse Leipzig trafen wir Bernd erneut und knüpften nicht nur an unser letztes Treffen an, sondern warfen auch einen Blick in seinen neuesten Major Tom-Band.


Lieber Bernd, zuletzt haben wir uns auf der BUCH WIEN zu einem kurzen Interview getroffen. Leider haben wir es damals nicht mehr geschafft, über  deinen aktuellen WAS IST WAS-Band „Das Buch“ zu sprechen.
Wie kommt man auf die Idee, ein Buch über das Buch zu schreiben?

Bernd Flessner (c) Tessloff VerlagAuf die Idee bin gar nicht ich gekommen, sondern der Verlag.
Man wollte zeigen, wie ein Buch entsteht. Dieses Thema fehlte bisher in der WAS IST WAS-Reihe. Zunächst plante man einen regulären Band innerhalb der Reihe. Als man dann merkte, dass das Thema zu umfangreich und komplex ist, haben wir entschieden einen Sonderband daraus zu machen. Dadurch hatten wir die Möglichkeit, inhaltlich bei der Erfindung der Schrift anzufangen. Warum schreiben wir? Warum ist Schreiben wichtig für uns Menschen? Damit eröffnen wir den Band und gehen inhaltlich bis hin zum Vertrieb, bis zu den Buchmessen und darüber hinaus. Denn mit der Fertigstellung eines Buchs ist dessen Geschichte ja noch nicht zu Ende. Im Gegenteil, das reicht weiter - bis in die Literaturkritik und in moderne Formen wie das E-Book.
Aufgrund dieser Fülle an Informationen haben wir uns letztendlich für einen Band innerhalb der Reihe WAS IST WAS Edition entschieden. Dieser umfasst mehr Seiten und so hatten wir die Möglichkeit darzulegen, was alles im Verlag passiert. Was macht ein Autor? Was macht ein Grafiker? Was passiert im Layout?
Das sind immer wieder Fragen, die uns Autoren bei Kinderlesungen in beispielsweise Schulen gestellt werden. „Hast du eine Druckerei im Keller?“ Nein, lautet dann meine Antwort, denn ein Autor ist nur ein Rädchen in einem großen Betrieb. Ein Autor schreibt den Text. Um eben das einmal darzulegen, ist der Verlag auf die Idee zu diesem Buch gekommen. Ich als ursprünglicher Medienwissenschaftler habe dabei gerne mitgemacht.

Das Thema ist sehr umfassend. Erfindung der Schrift, Bedeutung der Schrift, erste Schrifttafeln, Schriftrollen bis hin zum Buchdruck, zum heutigen Buch.
Wie geht man an solch ein Thema heran? Was greift man auf, was lässt man weg?

Durch die übliche Materialsammlung, durch eine Stichwortsammlung, die sich aber auch in diesem Fall aufgrund des großen Umfangs als viel zu groß herausgestellt hat. Ich hätte gerne noch andere Aspekte erwähnt, aber nicht alles hatte Platz im Buch. Natürlich kann man es nach Belieben aufstocken, doch dann hat man am Ende einen unglaublich dicken Wälzer in der Hand und das geht nicht.
Die Herausforderung bei WAS IST WAS-Bänden ist es ja immer, ganz viele Themen, ganz viele Aspekte und Facetten möglichst kompakt darzustellen. Überblicksartig darzustellen. Deswegen habe ich nach dieser Materialsammlung, zum Rotstift gegriffen und angefangen zu kürzen. Das geschah ein weiteres Mal während des Schreibens. Hier finden viele Gespräche mit dem Lektorat statt. Was hätte man gerne drinnen? Wo muss man kürzen? Ist etwas wirklich so wichtig? Als Autor hat man eine bestimmte Zeichenanzahl pro Doppelseite zur Verfügung, mehr geht nicht. Das ist ein langer Entstehungsprozess.

Was war die größte Herausforderung bei diesem Buch?

Das Problem bei „Das Buch“ ist ja, dass das Thema sehr umfangreich ist. Schließlich gibt es nicht nur ein Buch, es gibt nicht nur die Belletristik. Allein innerhalb dieser gibt es eine riesige Spannbreite zwischen Kriminalroman und Liebesroman, Science-Fiction, Fantasy… Dabei funktioniert jedes Genre immer ein bisschen anders, hat andere Leser. „Das Buch“ mit seinen vielen Facetten und wortwörtlich vielen Seiten war eine besondere Herausforderung. Wie brechen wir das Thema herunter, ohne viel kaputt zu machen und trotzdem das Wichtigste zu transportieren? Was ist wirklich wichtig? Beispielsweise ist das Thema Bindung sehr komplex. Bereits hier gibt es zahlreiche verschiedene Arten: Leimbindung oder wie in diesem Fall Fadenheftung - also eine richtige Bindung. Beim Tessloff Verlag werden die Bücher - auch die für die jüngeren Leser - immer richtig gebunden, nie geleimt. Die Idee vom Verlagsgründer ist die gewesen, dass diese Bücher vier Kinder überleben sollen. Das Älteste bekommt es geschenkt, das Jüngste muss es auch noch lesen können, vorher darf es nicht auseinanderfallen. Bindungen haben sich im Laufe der Geschichte sehr verändert - aber das ist nur ein kleiner Teil des Ganzen.
Man sieht, die Auswahl der Themen, die wir dann tatsächlich im Buch aufgenommen haben, - wir, damit meine ich auch das Lektorat - war sehr schwierig.

Bernd Flessner (c) Tessloff Verlag

Was war für dich das spannendste bei der Arbeit an diesem Buch, an diesem Thema?

Spannende Momente sind einmal die Erfindung der Schrift.
Wie sind Menschen darauf gekommen, Zeichen zu entwickeln. Das ist ein schwieriger und langwieriger Prozess gewesen. Zuerst gab es für einzelne Objekte Bildzeichen, Piktogramme. Dann kam dieser gewaltige Sprung, irgendwer kam auf die Idee, keine Zeichen für Objekte sondern für Laute zu machen. Davon braucht man viel weniger Und dann ist es völlig egal, was wir benennen, auch wenn neue Gegenstände dazukommen, brauchen wir keine neue Zeichen. Da wir die Laute mit Zeichen versehen, reichen die immer aus. Diese Zeichen, mit denen wir heute schreiben, sind genau die, mit denen schon die Römer vor 2000 Jahren geschrieben haben. Aber wir leben in einer völlig anderen Welt. Die Schrift die wir haben, ist immer auf der Höhe der Zeit, ist immer modern. Da kann nur das Rad mithalten. Der Eselskarren vor 2000 Jahren und das Auto von heute benutzen beide das Prinzip des Rades und wir benutzen das Prinzip Zeichen für Laute. Das finde ich absolut spannend und faszinierend.

Und natürlich die Entwicklung des Buchdrucks. Früher haben die Mönche alles von Hand kopiert. Ein Buch nach dem anderen. Manchmal wurde es auch diktiert. Mehrere Mönche saßen zusammen, einer diktierte, die anderen schrieben. Jedoch auf die Idee zu kommen, ein Buch mit beweglichen Lettern zu drucken, und nicht mit geschnitzten Holztafeln, finde ich ganz faszinierend. Bewegliche Letter brachten viele Vorteile. Man konnte heute dieses und morgen jenes Buch drucken. Abgenutzte Buchstaben konnten einfach ausgetauscht werden. Innerhalb von wenigen Jahrzehnten hat sich diese Drucktechnik in ganz Europa verbreitet. Wie eine Explosion, das war eine Medienrevolution.

Die Erfindung der phonetischen Schrift und die Erfindung des Buchdrucks sind einfach sensationell. Das sind die beiden spannendsten Eckpunkte dieser Buchgeschichte.

In einer Welt, die immer digitaler wird, in der YouTube- und Instagram-Stars, Influencer wie Pilze aus dem Boden sprießen - welche Rolle hat da eigentlich noch das geschriebene Wort, das gedruckte Buch?

Du weißt ja, ich bin von Haus aus Zukunftsforscher und befasse mich zusammen mit Buchwissenshaftlern von anderen Unis mit der Zukunft der Medien. Das ist natürlich ein Thema, das wir auf Buchmessen öffentlich diskutiert haben.
Es ist sehr unwahrscheinlich, dass Schrift und Buchdruck aussterben. Wir können darauf gar nicht verzichten, das geht nicht. Aber die Konkurrenz ist natürlich da und man spürt sie auch.
Vereinfacht gesagt, ist das eher die Problematik zwischen dem Bildungsbürgertum im weitesten Sinne und den Nichtlesern, die auch früher schon sehr bildorientiert gewesen sind. Aus entsprechenden Studien wissen wir, dass im bildungsbürgerlichen Bereich alle Medien genutzt werden. Das ist auch kein Widerspruch. Ich gehe heute ins Theater und am nächsten Tag sehe ich mir eine Serie auf Netflix an. Man nutzt alles. Man liest ein Buch und schaut sich dann einen Clip auf YouTube an Die Medien werden nicht alternativ genutzt, indem man sagt, man entscheidet sich nur für visuelle Medien und sonst nichts. Man nutzt einfach alles. Das mache ich selber auch und das finde ich auch völlig richtig.

Bernd Flessner (c) Tessloff Verlag

Wie wichtig ist es, unsere Kinder mit dem gedruckten, haptischen Buch in Kontakt bringen?

Ich habe nichts gegen das E-Book. Es ist nur so, dass das gedruckte Buch eben ganz bestimmte ästhetische Qualitäten hat, die das E-Book gar nicht haben kann. Eine ganz spezielle Oberfläche, der Vorgang des Umblätterns. Das gehört zum Lesen dazu, das schätzen natürlich auch ganz viele Leser.
Das ist ganz ähnlich wie mit dem retrograden Trend zur Schallplatte, als neulich in der Zeit stand, Vorgänger der CD ist die Schallplatte, der Nachfolger auch. Eine Schallplatte ist etwas Dauerhaftes, Verlässliches. Dafür braucht man kein Softwareupdate. Es hat ästhetische und rituelle Qualitäten, auch für junge Menschen: der vorsichtige Umgang, das tolle Cover. Das darf man nicht unterschätzen.
Mit dem Buch ist es ähnlich. Es wird nicht aussterben, weil die Art des Umgangs ganz einfach ist. Das E-Book hat wiederum andere Vorteile. Man kann sehr viele Titel dabeihaben, es bietet eine Suchfunktion, kann Lesezeichen setzen. Es ist eine Diversifizierung von Möglichkeiten. Ich schaffe neue Möglichkeiten, aber ich schaffe nicht das eine ab.

Themenwechsel:
Wie geht es eigentlich dem kleinen Major Tom? Wie geht es mit ihm, Stella und Plutinchen weiter?

Denen geht es sehr gut. Im gerade erschienenen Band „Im Bann des Jupiters“ bekommen sie wieder die Chance, die Wurmlochtechnologie zu testen. Es sollte ein kleiner Testflug werden. Der Flug bringt sie zum Jupiter. Das ist natürlich ein gigantischer Planet.
Ich weiß von unseren Astronauten, dass der Anblick der Erde von außen ein extrem emotionaler Augenblick ist. Das kann man rational nicht einfach so verdauen, das überwältigt einen. Eben das habe ich versucht auf den Jupiter zu übertragen. Tom, Stella und Plutinchen kommen aus dem Wurmloch raus und haben plötzlich einen Planeten vor sich, der um ein Vielfaches größer als die Erde ist. Der Anblick ist überwältigend, das betrifft natürlich auch sie. Sie sind ja keine außergewöhnliche Menschen, sondern normale Kinder. Darüber vergessen sie, dass das Wurmloch nur für kurze Zeit aufrechterhalten werden kann und sie verpassen den Rückflug.

Bernd Flessner
Sie können doch gar nicht auf dem Jupiter landen?

Richtig, das ist ein Gasplanet, der auch sehr viel Strahlung aussendet. Sie können also gar nicht so nah ran und deswegen warten sie bei einem der Monde auf die nächste Wurmlochöffnung. Jupiter hat ja deutlich mehr Monde als die Erde, 79 an der Zahl. Europa ist beispielsweise für die Wissenschaftler ein sehr interessanter Mond mit einer Eiskruste, unter der sich ein Ozean befindet. Die Idee der Wissenschaft ist, sobald wir können, eine Sonde dorthin zu schicken, sich durch das Eis zu schmelzen und Proben aus dem Wasser zu nehmen. Das ist also ein echter Forschungsansatz, den ich in diesem 9. Band vermitteln wollte. Daher habe ich dieses Forschungsprojekt auf unsere Helden übertragen. Ich will ja auch Wissen vermitteln, es soll ja nicht nur ein Abenteuer sein.

Was erwartet uns zukünftig noch?

Tja, Tom und Stella wollen durch das Wurmloch zurück nach Hause fliegen - das ist dann aber Band 10, zu dem ich noch nicht mehr erzählen kann. Da müsst ihr dann noch mal wiederkommen, wenn er erschienen ist.

Es bleibt also spannend bei Tom, Stella und Plutinchen.

Sehr. Gerade der aktuelle Band ist mal wieder Spannung pur und angelehnt an reale Forschung. Ich habe letzte Woche auf der Münchner Bücherschau aus ihm aktuellen Buch gelesen und es kam sehr gut an.

Lieber Bernd, vielen herzlichen Dank, dass du dir hier in Leipzig die Zeit genommen hast, unser Gespräch aus Wien fortzusetzen. Ich freue mich jetzt auf einen spannenden 9. Band des kleinen Major Tom.

Bernd Flessner

Bernd Flessner

Bernd Flessner (c) Tessloff Verlag

Bernd Flessner (c) Tessloff Verlag

Bernd Flessner

Bernd Flessner

Bernd Flessner (c) Tessloff Verlag

Bernd Flessner (c) Tessloff Verlag

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