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Bernd Flessner im Gespräch auf der Leipziger Buchmesse 2018

"Im Moment durchlaufen wir eine Modernisierungskrise. Da neigen die Menschen dazu, sich weniger mit den Themen zu befassen, die wirklich relevant sind …"

von Janett Cernohuby | 23. März 2018

Es ist als Sachbuchautor gar nicht so einfach in der Gegenwart verankert zu sein, wenn man hauptsächlich über die Zukunft schreibt. „WAS IST WAS“-Autor Dr. Bernd Flessner hat nun für den Tessloff Verlag eine neue Tür geöffnet. Denn er ist der federführende Autor für die erste Nicht-Sachbuch-Reihe des Verlags – genauer gesagt die Reihe „Der kleine Major Tom“. Wir haben uns mit ihm getroffen und ihm einige Fragen zu seinen Werken und der Kooperation mit dem bekannten Musiker Peter Schilling gestellt.


Bernd Flessner

Sie haben einen interessanten Werdegang hinter sich. Von Theater- und Medienwissenschaft über Germanistik und Neuere Geschichte führten Ihre Wege offenbar unweigerlich in die Zukunft. Ab wann war Ihnen klar, dass Sie sich mit Zukunftsforschung beschäftigen wollten?

Von Anfang an. Ich habe immer nur Zukunftsthemen behandelt. Ursprünglich wollte ich Physik studieren. Mein Opa war Professor für Physik in Göttingen. Aber die mathematischen Kenntnisse haben nicht gereicht. Ich habe zwar gerechnet, aber immer nur mit dem Schlimmsten. Das hat sich dann bei den Matheklausuren auch erwiesen. Also musste ich etwas anderes studieren. Mein Opa hat mich zur Science Fiction gebracht und dadurch war die Zukunft immer für mich da. Ich habe alle Abschlussarbeiten, auch die Promotion, immer über Zukunftsthemen verfasst. Ich war immer mit der Zukunft eng verbunden.

Ist man als Zukunftsforscher generell eher optimistisch, pessimistisch oder versucht man da neutral zu bleiben?

Ich glaube, neutral trifft es ganz gut.

Es ist ja so - die Zukunft können wir nicht vorhersagen, die ist offen. Ich habe zwar populäre Kollegen, die bunte Bücher schreiben, in denen steht "so leben wir 2050" - aber so werden wir 2050 nicht leben. Das weiß keiner und das hat mit wissenschaftlicher Zukunftsforschung überhaupt nichts zu tun. Die funktioniert völlig anders. Hier geht es um die Entwicklung von Szenarien, mit denen wir einen Möglichkeitsraum beschreiben. Das nutzen dann vor allem Firmen, wie beispielsweise DHL oder Imbus.

Es geht nicht um die Frage, ob die Zukunft pessimistisch oder optimistisch ist. Es geht vielmehr darum, für welche Wege und Möglichkeiten wir Menschen uns entscheiden.
Im Moment durchlaufen wir eine Modernisierungskrise. Da neigen die Menschen dazu, sich weniger mit den Themen zu befassen, die wirklich relevant sind, sondern mehr mit Scheinthemen, die auch einfacher zu händeln sind. Ein paar Kollegen und ich haben jüngst eine Liste erstellt, was für die Menschheit die 10 relevantesten Themen sind, um auf diesem Planeten zu überleben. Unter diesen Punkten taucht so etwas wie Migration gar nicht auf. Das ist makrohistorisch völlig unbedeutend. Migration gab es schon immer. Wir haben jetzt ja auch erfahren, woher der Ötzi gekommen ist. Der war auch ein Migrant. Das ist eine Frechheit von ihm, einfach über die Berge zu kommen. Wahrscheinlich ist er von irgendwelchen Migrationsfeinden erschossen worden. *lacht*

Nein, es geht um ganz andere Fragen. Das sind auch Entscheidungen, die wir kulturell fällen. Wofür wir uns interessieren.
Beispielsweise Plastik in unseren Weltmeeren und Flüssen. Das ist schon sehr lange ein Thema und genauso lange weisen uns die entsprechenden Wissenschaftler auf die Gefahren hin. Das wäre ein wirklich wichtiges Thema, das auch über Jahrzehnte hinweg Konsequenzen hat.

Bei der Zukunftsforschung geht es weniger um optimistisch oder pessimistisch, sondern um Neutralität. Wo kann man gestalten? Wo liegen Gefahren? Wo liegen Optionen? Wie erklären wir Menschen, dass es langfristige Prozesse gibt, die für die Zukunft sehr wichtig sind?
Wir haben eine Menge Optionen. Die Nachrichten geben uns zwar das Gefühl, früher war alles besser, aber dem ist nicht so. Das ist eine mediale Geschichte, eine Medienexplosion, mit der wir noch nicht umgehen können. Stichwort Fakenews. Mit ein bisschen mehr Gelassenheit und Ruhe schaffen wir das aber noch.

Das Thema "Zukunft" haben Sie in einem WAS IST WAS-Band behandelt. Wie sind Sie zum Tessloff Verlag und zur Reihe WAS IST WAS gekommen?

Als der Tessloff Verlag überlegte die Reihe WAS IST WAS zu relaunchen, wurde ich vom Verlag zu Gesprächen eingeladen. Ich sagte ihnen, als Zukunftsforscher bin ich der Meinung, dass ein Relaunch schon längst hätte passiert sein müssen. Im Zuge des Relaunch wurde ich dann gefragt, wie es mit dem alten Band "Computer und Roboter" aussieht. Ich habe vorgeschlagen, diesen aufzuteilen und zunächst mit "Robotern" anzufangen. Die Antwort war, dass ich das ja gleich übernehmen könnte, schließlich kenne ich mich als Zukunftsforscher auch mit Robotik aus. Es ging auf, denn der Roboter-Band ist einer der Bestseller des Verlags.
Ebenso hat der Verlag gleich angefragt, ob wir nicht auch einen Zukunftsband machen wollen. Zudem habe ich auch bei anderen Bänden mitgeholfen - Autos, Eisenbahn. Hier wurde der Zukunftsaspekt stark betont und gezeigt, welche Möglichkeiten wir noch haben.

Welcher dieser Bände - Autos, Eisenbahn, Roboter und Zukunft - ist ihr persönlicher Favorit?

Das ist schwer zu sagen, weil jeder grundsätzlich anders ist.
Also ich denke, Roboter ist vor allen anderen mein Favorit. Hier hatte ich die Möglichkeit, meine Kollegen, die Roboter entwickeln, anzurufen und anzumailen. Die haben mir Vorschläge und Fotos geschickt. Ich konnte also die Forschung mit hineinbringen. Das ist etwas, was andere Kollegen, die als Sachbuchautoren arbeiten, so gar nicht gekonnt haben. Ich habe direkt mit den Forschungseinrichtungen gesprochen und wusste, die entwickeln so einen Feuerlöschrobotor, der durch den Wald krabbelt. Ich habe Zugriff auf die Entwicklungsabteilung gehabt und habe dadurch mehr zusammentragen können, als jemand anders hätte machen können.
Es gab sehr viel Feedback, denn dieses Thema ist auch etwas, das nicht nur kleine Leser interessiert. Wir wissen von ganz vielen erwachsenen Lesern, die gesagt haben, ja wir haben das Buch genutzt, um uns da mal auf den neuesten Stand zu bringen. Das ist eine zweite Funktion von WAS IST WAS, dass die Bücher nicht nur für kleine Leser da sind, sondern letzten Endes auch Erwachsene viel Nutzen draus ziehen.

Hätten Sie ein Thema im Auge, das man auch als Buch umsetzen sollte, was es noch nicht gibt?

Themen gibt es natürlich unendlich viele.
Künstliche Intelligenz ist ein ganz wichtiges Thema, das seit zwei Jahren auf allen Zukunftskonferenzen diskutiert wird. Was können smarte Algorithmen und was können sie nicht? Wo sind ihre Grenzen? Das ist ein ganz wichtiges Thema geworden. Kinder wachsen hinein in diese Welt der sprechenden Dinge. Alexa ist erst der Anfang - und die steht auch schon bald im Museum. So ein Buch soll Kinder vorbereiten und mitnehmen in ihre Zeit.
Ein anderes Thema, das immer viele Fragen aufwirft, ist der Bereich der Fabeltiere. Da gibt es unendliche viele, nicht nur bei Harry Potter. Viele in der Literatur genutzte Wesen sind dahingehend echte Fabeltiere, als das die Vorstellungen von ihnen schon sehr alt sind. Frau Rowling hat den Basilisken nicht neu erfunden. Den gibt es schon seit Homer.
Es gibt sehr viele Fabelwesen, die immer wieder auftauchen. Einige gibt es sogar wirklich. 18 Meter lange Riesentintenfische. Hierzu gibt es von Kindern immer sehr viele Fragen, die man mit solch einem Buch beantworten könnte.

Neben den WAS IST WAS-Bänden haben Sie gemeinsam mit dem bekannten Musiker Peter Schilling ein neues Projekt in Angriff genommen. Die erste Nicht-Sachbuch-Reihe im Tessloff-Verlag. Wie ist es dazu gekommen?

Peter Schilling, bekannt für das Lied "Völlig losgelöst" in dem es ja um den Major Tom geht, hat schon seit vielen Jahren die Idee im Kopf, Major Tom weiterzuführen, vor allem für Kinder. Er hat immer wieder Veranstaltungen für Kinder in Planetarien, in denen er ihnen Wissenschaft und Raumfahrt vermittelt. Er kam also auf die Idee, den Major Tom für ein Kinderbuch zu nutzen, in dem auch etwas vermittelt wird. Er trat an den Tessloff Verlag heran und hier überlegte man, wie man die Idee so nutzen könnte, dass sie auch zum Verlagsprofil passt. Schließlich ist der Tessloff Verlag ein Wissensvermittlungsverlag. Uns war klar, wir wollten etwas Abenteuerliches, etwas Erzählendes, das aber auch Wissen vermitteln soll. In sehr vielen Sitzungen und Gesprächen haben wir lange darüber diskutiert, Ideen vorgestellt und ein Konzept ausgearbeitet. Wir haben einen Zeichner gefunden, der uns Vorschläge gemacht hat. Der Verlag hat auch gesagt, er macht nicht nur ein Buch, sondern bringt es als eine Serie heraus.
Es war ein langer Prozess.

Der kleine Major Tom erlebt ja bisher vier Abenteuer, in denen zwar auch Fachwissen eingebunden wird, viele Inhalte sind aber doch deutlich fiktiv. Wie hält man als Autor die Balance?

Schwer. Es ist eine echte Gratwanderung. Wir haben auf der einen Seite Figuren, die eine eigene Raumstation haben, ein eigenes Fahrzeug. Das ist in der Realität und bei Kindern eher selten der Fall. Aber wir brauchen diese Identifikationsfiguren. Die sind fiktiv.
Auf der anderen Seite sind die realen Bedingungen. Wie funktioniert eine Raumstation, wie ist das mit dem Sonnensegel, wenn es beschädigt wird und repariert werden muss. Das passiert auch in der Realität. Wir haben mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt einen Partner gewinnen können, dessen Experten die Texte gegenlesen und darauf achten, dass alles auf den Punkt stimmt. Das die Bedingungen auf dem Mars richtig dargestellt werden. Nichts gegen Hollywood, "Der Marsianer" ist toll. Aber das DLR achtet darauf, dass wirklich alles stimmt. Das war uns auch sehr wichtig. Ich muss diese Balance halten, die Gratwanderung zwischen fiktiven Figuren und Abenteuern sowie realen Fakten.

Im ersten Band erfahren wir viel über das Leben auf einer Raumstation, im zweiten Band kommt der Space Racer dazu, im dritten besuchen sie den Mond, im vierten Band geht es um Kometen. Welche Abenteuer wird es zukünftig noch geben?

Als nächstes geht es natürlich auf den Mars, um den Vater, den großen Major Tom, zu besuchen.
Der Mars ist ja auch das Ziel der realen Raumfahrt. Jeder will dorthin. Elon Musk will der erste sein, die Chinesen wollen die ersten sein. Dabei ist es Major Tom.
Sie besuchen dort den Vater und stellen fest, dass der Mars faszinierend ist und eben anders als in Hollywood dargestellt. Es gibt eine geringere Schwerkraft, ähnlich wie auf dem Mond. Man kann auch auf dem Mars nicht normal laufen. Die Atmosphäre ist so dünn, das man jedes Geräusch maximal 4 Meter weit hört. Diese Bedingungen lernen der kleine Major Tom und Stella kennen. Sie besuchen den höchsten Berg, den höchsten Vulkan des gesamten Sonnensystems, den Olympus Mons. Sie erfahren, warum der Mars der rote Planet genannt wird - wegen dem Eisenoxyd, also Rost. Es müsste eigentlich der verrostete Planet heißen. Diese einfachen Dinge lernen sie kennen. Sie sind zwei Bände lang auf dem Mars und fliegen unter schwierigen Bedingungen zurück. Das sind alles wieder Fakten, die tatsächlich stimmen.
Anschließend sind sie erst einmal zwei Bände auf der Erde und erleben hier sehr kuriose Abenteuer. Sie sehen sich das Astronautentraining an, das sie auch durchlaufen haben. Plutinchen fährt in der Zentrifuge mit - als Roboterkatze kennt sie das ja nicht. Dabei wird sie beschädigt. Hier will ich noch einmal demonstrieren, dass Plutinchen eine Maschine ist und kein niedliches Haustier. Sie ist ein akzeptiertes Teammitglied, aber eben auch ein Gerät. Das geht ja beides.
Der Regenwald wird zum Thema und sie treffen ihren Freund Daniel wieder.
Es gibt also noch viele spannende Themen.

Lieber Herr Flessner, vielen Dank für das Interview! Wir sind schon sehr gespannt auf die neuen Abenteuer des kleinen Major Tom, aber auch auf hoffentlich weitere tolle WAS IST WAS-Bände aus Ihrer Feder.

Bernd Flessner

Bernd Flessner im Gespräch auf der Leipziger Buchmesse 2018