Will Gmehling im Interview

„Ich habe schon immer Kinderbücher schreiben wollen.“

von Janett Cernohuby | 17. Oktober 2018

Nicht nur Kleider machen Leute, auch Namen entscheiden darüber, wie man von anderen Menschen wahrgenommen wird. Trägt man einen altmodischen und sperrigen Namen wie Chlodwig, dann wird man ganz sicher nicht zu denen gehören, die sofort umschwärmt werden. Trotzdem gelingt es einem Jungen mit eben diesem Namen eine ganz besondere und ungewöhnliche Freundschaft zu schließen. Wir trafen uns auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Autor des Werkes und stellten ihm ein paar Fragen.

Im Sommer ist Ihr neuestes Kinderbuch „Chlodwig“ erschienen. Erzählen Sie doch bitte kurz, worum es darin geht.

Will GmehlingEs geht um das Zusammentreffen zweier verschiedener sozialer Welten, der so genannten prekären Welt - obwohl ich das Wort überhaupt nicht mag - mit der Oberschicht - noch ein Wort das ich nicht mag. Zwei Kinder treffen sich und finden zueinander, wobei sich das Kind aus der Oberschicht im Prekariat sauwohl fühlt.

In Chlodwig gibt es kein spezielles Ereignis, keinen Höhepunkt, auf den alles hinausläuft. Ist das gewollt?

Das ist nicht bewusst gewollt, das entstand durch den Text. Es gibt einfach nur ein ruhiges vor sich hin erzählen.

Das nehmen Kinder auch an?

Ich kenne nur die Reaktionen der Kinder, die ich auf Lesungen getroffen habe. Sie waren begeistert

Chlodwig ist alles andere als ein geläufiger Name. Wie kamen Sie ausgerechnet auf diesen?

Ich wollte einen sehr elitären und versnobten Namen wählen. Es gibt ja tatsächlich Leute, die ihren Sohn Clodwig nennen. Außerdem brauchte ich einen sehr starken und sehr sonderbaren Namen. Irgendwann war der Name Chlodwig dann einfach da.

In der Geschichte lassen sie zwei Jungs aus unterschiedlichen Schichten und sozialen Hintergründen Freunde werden. Welche Botschaft wollen Sie mit der Geschichte an Kinder weitergeben?

Ich habe in meinen Büchern keine Botschaft eingebaut, also jedenfalls nicht bewusst. Das ist jetzt nicht die Botschaft des Prekariats, dass sozial schwache Familien per se toll sind und dass die anderen nicht toll sind. Es passte einfach für die Geschichte. In diesem Moment existiert in dieser Familie eine tolle Wärme, trotz aller Mängel.
Aber eine Botschaft ist nicht dahinter. Die kann sich jeder selber überlegen. Sehen Sie eine?

Es geht um die Überwindung sozialer Grenzen, es geht um Liebe und Freundschaft, die Chlodwig in dieser Familie findet.

Richtig, es geht um Liebe und Wärme. Etwas, das in Chlodwigs Familie fehlt.

Jetzt ist vor allem Berts Familie sehr chaotisch, die Kinder sehr lebhaft. Gab es während des Schreibens eine Figur, die Ihnen auf der Nase herumgetanzt ist? Oder eine Szene, die sich plötzlich verselbstständigt hat?

Beim Schreiben? Nein. Die Geschichte ist sehr schnell entstanden. Da gab es keine Zweifel, keine Fragen. Die Familie war da, mit ihrem Chaos, Tohuwabohu. Ich komme auch aus einer großen Familie und kenne solche Alltagssituationen sehr gut.

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In Ihren Geschichten spielen Tiere immer wieder eine Rolle. Bei Chlodwig fehlt dieses allerdings. Hat das einen Grund?

Ich habe mir immer vorgenommen, eine tierlose Zeit einzuläuten. Auch in meinem nächsten Buch gibt es kein Tier.

Sie gehen also neue Wege, wollen etwas anderes ausprobieren?

Ja, für den Moment. Ich wollte in nächster Zeit sogenannte realistische Literatur schreiben, ohne Tiere, die sprechen können. Aber das ist nur eine Phase. Das kann sich morgen schon wieder ändern.
Für mich ist das auch kein großer Gegensatz, sondern eine Herausforderung. Auf einer Lesung hat mich ein Kind einmal gefragt, ob ich auch etwas schreiben kann, das es gibt. Das hat mich berührt, das fand ich gut.  

Früher waren Sie Maler, mittlerweile schreiben sie Bücher für Kinder. Was hat Sie dazu bewogen, den Pinsel gegen einen Stift einzutauschen? Gab es eine spezielle Situation?

Mir fiel in der Malerei nichts mehr ein. Auch hat mir die Kunstwelt nichts mehr gesagt. Ich habe schon immer Kinderbücher schreiben wollen. Aus Verlegenheit habe ich dann ein Kinderbuch geschrieben, das hat auch gleich einen guten Verlag gefunden. Und damit waren die Würfel gefallen.

Aber Sie illustrieren ihre Bücher nicht selber?

Nein, das kann ich nicht. Wenn ich es könnte, würde ich es gerne machen. Ich probiere es immer mal wieder, aber ich habe keinen Zugang dazu.

Warum fiel Ihre Wahl auf Kinderbücher? Warum keine Romane für Erwachsene?

Das ist keine bewusste Wahl. Ich hatte schon als Jugendlicher den Wunsch, Kinderbücher zu schreiben. Dann habe ich zunächst eine lange Zeit Lyrik für Erwachsene geschrieben. Komplizierte Lyrik. Irgendwann habe ich angefangen, Geschichten für Kinder zu erzählen. Das ist aber keine bewusste Wahl, die man trifft oder die einen wählt. Man setzt sich nicht hin und sagt, welche dieser Existenzen nehme ich. Das kommt einfach so. Wenn man vor Erwachsenen liest, dann herrscht immer dieses betretene Schweigen. Hält man dagegen eine Kinderbuchlesung und es ist einfach wundervoll, dann weiß man, warum man für Kinder schreibt. Kinder sind das beste Publikum.

Wie hat dieser Wechsel Sie, Ihre Arbeit und die Sicht auf die Gesellschaft verändert?

Ich schriebe seit 25 Jahren für Kinder. Mein Blick richtet sich immer mehr darauf, wie Kinder aufwachsen - beispielsweise wie in diesem Buch. Auch liest man jetzt immer wieder, dass jedes 5. Kind in der 4. Klasse nicht richtig, nicht sinnerfassend lesen kann. Das ist natürlich - wenn man Kinderbücher schreibt - ein Schock. Oder eigentlich ein Riesenskandal. Vielleicht wird der Blick, wenn man Kinderbücher schreibt, einfach realistischer und politischer. Er geht genau in diese Fragen hinein. Warum schafft es so eine reiche Gesellschaft nicht mehr, Kinder am Lesen teilhaben zu lassen.

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Worauf muss man achten, wenn man für Kinder schreibt?

Man braucht da gar nicht so bewusst an die Sachen herangehen. Wenn man für Kinder schreibt, muss man eine Geschichte schreiben, die sofort anfängt und keine fünf Seiten Vorlauf mit Landschaftsbeschreibungen hat. Die Handlung muss sofort beginnen. Man darf keine zu langen Sätze schreiben. Es kommt natürlich drauf an, für welche Zielgruppe man schreibt. Schreibt man für 6-ährige oder 8-jährige? Das ist technisch schon eine andere Welt. Keine oder nicht zu viel Ironie, keine Anspielungen, die Geschichte muss da sein, meistens roh und klar.

Wo finden Sie Ideen für Ihre Geschichten?

Sie kommen einfach zu mir. Das letzte Buch habe ich geschrieben, als ich im Freibad war. Das spielt auch fast nur dort. Das liegt daran, dass ich schon immer einen Großteil meiner Freizeit im Freibad verbracht habe. Schon als Kind war das so.
Ich habe im Laufe einer Woche eine Menge Ideen - das könnte ich machen, über dies könnte ich schreiben. Dann gibt es aber auch Geschichten, die machen Plopp und sind einfach da. Selbst wenn es noch so absurd, noch so unmöglich ist. Die schreibe ich dann eben.

Sie haben also immer ein Notizbuch dabei?

Ich schreibe viel und gerne mit der Hand und übertrage das dann auf den PC. Am liebsten schreibe ich mit der Hand, mit dem Bleistift.

Gibt es ein Thema, zu dem Sie schon immer gerne schreiben wollten, dass sich bisher aber noch nicht ergeben hat?

Ja, so ein Thema gibt es. Käse.
Ich würde gerne ein Bilderbuch über Käse schreiben, aber ich habe noch nicht die richtige Sprache gefunden. Ich mag Käse so gerne.
Woher kommt Käse, angefangen vom Sonnenlicht zum Gras, zur Kuh usw. Aber dafür brauche ich eine spezielle Sprache und die fehlt mir noch.

Wird man bald wieder ein Kinderbuch von Ihnen lesen können? Wie sehen Ihre weiteren Pläne aus?

Eines ist schon fertig, das erscheint im Frühjahr. Das spielt im Freibad und heißt auch so. Es hat auch keinen Höhepunkt, also keinen massiven Höhepunkt, sondern viele kleine. Und es ist ein längeres Buch.

Dann warten wir gespannt auf das kommende Frühjahr, wünschen Ihnen aber zunächst viel Erfolg mit Chlodwig. Vielen Dank, dass Sie sich hier auf der Frankfurter Buchmesse die Zeit für ein Interview mit uns genommen haben.

9783779506003 Chlodwig
48 Seiten, ab 7 Jahren

Chlodwig ist neu in der Klasse. Mit seinem Namen hat er keinen guten Stand. Denn wer Chlodwig heißt, der hat eine ordentliche Frisur, feine Klamotten, ist gut in Mathe, kann allerdings nicht Fußballspielen und ist obendrein ein Langweiler.
Das zumindest denkt Bert, der das genaue Gegenteil ist. Doch dann lernt er Chlodwig besser kennen und merkt, dass er ein toller Typ ist, mit dem man richtig viel Spaß haben kann.

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Will Gmehling im Interview