Vom Glücksballon in meinem Bauch


Kinder erleben häusliche Gewalt - Bilderbuch mit Begleitmaterial
von Bildungsstelle Häusliche Gewalt Luzern, Sandra Fausch, Marion Mebes, Andrea Wechlin, Claudia Rothenfluh (Illustration)
Rezension von Katrin Hof | 02. September 2016

Vom Glücksballon in meinem Bauch

Kinder, die von häuslicher Gewalt betroffen sind, wachsen in einem familiären Umfeld auf, das von Angst beherrscht wird. Sie hören, sehen und spüren die Auswirkungen der Gewalt, die einen negativen Einfluss auf ihre psychische Entwicklung haben. Somit werden auch Kinder, die indirekt der häuslichen Gewalt ausgesetzt sind, zu direkten Opfern, die durch ihre Sorgen und Ängste oftmals schwer belastet sind und allein gelassen werden. Wie wichtig es ist, die Gefühle der Kinder in dieser Situation ernst zu nehmen und unterstützende Möglichkeiten anzubieten, das beleuchten die Autorinnen Sandra Fausch, Marion Mebes und Andrea Wechlin in ihrem Bilderbuch „Vom Glücksballon in meinem Bauch“.

Es gibt Kinder, die erleben wunderbare Dinge mit ihren Eltern, die sie glücklich machen. Dieses Glück ist gleichzusetzen mit einem sonnig-gelben Glücksballon, der ganz sanft und geborgen im Bauch wohnt. Es gibt aber auch Kinder, die werden in der Nacht wach und haben Angst, weil sie ihren Vater schreien und ihre Mutter weinen hören. Plötzlich wird der Glücksballon ganz klein, er hört auf zu schweben und verschwindet in der Dunkelheit. Ein Sorgenballon macht sich im Bauch breit und bringt Traurigkeit, Verzweiflung und andere negative Gefühle, die von vielen Tränen und schlaflosen Nächten begleitet werden. Der Glücksballon und der Sorgenballon wechseln einander ab und lösen ein Gefühlschaos aus. Es gibt Situationen, da strahlt der gelbe Ballon, vor allem dann, wenn das Kind mit Freunden zusammen ist. Aber zuhause, da wird der Glücksballon immer kleiner. Der Sorgenballon übernimmt die Macht, er wird immer größer und bewirkt, dass der Glücksballon nur mehr selten zum Vorschein kommt. Das kann sich aber ändern, wenn man sich an eine Person wendet, die zuhört und weiß, wie man dunkle, angsteinflößende Ballons fliegen lässt. Denn durch das Reden über verdrängte Gefühle, wird der Sorgenballon kleiner und kann aufsteigen und davonschweben.

Das Bilderbuch „Vom Glücksballon in meinem Bauch“ widmet sich der gemischten Gefühlswelt, die viele Kinder empfinden, die direkt oder indirekt von häuslicher Gewalt betroffen sind. Die Autorinnen sprechen einerseits das „komische Gefühl“ in der Bauchgegend an, das Kinder in Konfliktsituationen empfinden und veranschaulichen die unterschiedlichen belastenden Gefühle als „Sorgenballon“. Andererseits vergessen sie aber nicht darauf, dass diese Kinder genauso auch glückliche Momente mit ihrer Familie erleben, wenn sie sich geborgen und sicher fühlen. Und so findet diese Geschichte auch ihren Anfang, indem ein Kind davon erzählt, welche wunderbaren, fröhlichen Momente es mit den Eltern erlebt hat, die den „Glücksballon“ in seinem Bauch zum Strahlen gebracht haben. Mit großem Feingefühl gehen die Autorinnen auf die ambivalenten Empfindungen eines Kindes gegenüber seiner Eltern ein, die durch die immer wiederkehrenden Konfliktsituationen entstehen. Dabei verdeutlichen sie verständlich und behutsam welche Formen von häuslicher Gewalt es gibt, wie sich das Kind dabei fühlt und wie wichtig sowie entlastend es ist, die Gefühle wahrzunehmen und darüber zu sprechen. Darüber hinaus werden nicht nur im Bilderbuch, sondern auch im Begleitmaterial praxisnahe und hilfreiche Lösungswege angeboten. Diese unterstützen das Kind dabei, die Situation und seine Gefühle besser zu verstehen und herauszufinden, welche individuelle Unterstützung die beste ist.

Die Geschichte wird in der Ich-Form aus der Sicht eines Kindes erzählt. Sie bietet jedem Kind die Möglichkeit, sich in den Hauptcharakter einzufühlen. Die Sätze sind überwiegend klar strukturiert, jedoch gegen Ende der Geschichte eher lang gehalten. Dennoch sind die Formulierungen in leichter Sprache verfasst und gut nachvollziehbar, weshalb sie sich auch für Kinder ab vier Jahren eignen. Die Idee sowie die Illustrationen, die von Claudia Rothenfluh stammen, sind aussagekräftig und ausdrucksstark auf die Geschichte abgestimmt. Besonders eindrucksvoll ist das Wechselspiel der Farben, die einerseits hell und dunkel gehalten sind und die ambivalente Gefühlswelt des Kindes symbolisieren. Die Figuren sind in Form von Strichmännchen skizziert und das Kind geschlechtsneutral gehalten, damit sich sowohl Jungs als auch Mädchen mit der Hauptfigur identifizieren können. Die Bilder geben zu erkennen, dass die Gefühle, die sehr realistisch dargestellt werden, im Vordergrund stehen. Die Kinder erhalten somit einen Zugang zu ihren eigenen Gefühlen und können diese besser verstehen. Des Weiteren wird ihnen die Botschaft vermittelt, dass es trotz der belastenden Situation Möglichkeiten gibt, um wieder glücklich zu sein. Das Bilderbuch sollte mit großer Sorgfalt und Achtsamkeit gemeinsam mit dem betroffenen Kind angeschaut werden. Da das Buch Gewaltszenen beinhaltet, die Formen der häuslichen Gewalt widerspiegeln, sollte besonders auf die Reaktionen der Kinder geachtet und dementsprechend individuell darauf eingegangen werden. Viele unterschiedliche kreative Ideen und Möglichkeiten liefert der zusätzliche Ratgeber für Bezugspersonen und professionelles Fachpersonal. Er beinhaltet Beispiele, die zeigen, wie man sich diesem schwierigen Thema spielerisch und entlastend annähern kann. Die Materialien, die man dafür benötigt, sind aufgelistet und unter genauer Anleitung erklärt. Das Bilderbuch kann sowohl in Einzel- als auch in Gruppenarbeit verwendet werden und richtet sich nicht nur an betroffene Kinder, sondern auch an all jene, die mit den Betroffenen in Kontakt stehen oder sich ebenfalls in konfliktbehafteten Situationen befinden.

„Vom Glücksballon in meinem Bauch“ von Sandra Fausch, Marion Mebes, Andrea Wechlin und Claudia Rothenfluh ist ein ermutigendes, hoffnungsvolles und gefühlsbetontes Buch für Kinder ab vier Jahren, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Mit viel Feingefühl nimmt es betroffene Kinder an die Hand und erklärt ihnen, wie sie ihren „Sorgenballon“ loswerden können und Wege finden, damit der „Glücksballon“ weiterhin in ihnen strahlt.

Details

Bewertung

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  • Gewalt:
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