Helfen & Warten

von Leona Morin-Neilson, Caitlin Dale Nicholson (Illustration)
Rezension von Janett Cernohuby | 18. Dezember 2018

Helfen & Warten

Bei dem Wort Indianer sehen wir sofort Bilder von Winnetou oder dem letzten Mohikaner in unserem Kopf. Mit Indianern verbinden wir Mut, Tapferkeit, aber auch den Kampf um die Heimat. Vor allem Karl May hat ein Bild gezeichnent, das kaum weiter von der Realität entfernt sein könnte. Doch wo sind die Indianer heute? Und vor allem, wie leben sie? Leona Morin-Neilson und Caitlin Dale Nicholson zeigen es in zwei eindrucksvollen Bilderbüchern mit den schlichten Titeln „Helfen“ und „Warten“.

Die beiden Autorinnen, ebenfalls Stammesmitglieder zweier indigener Völker Kanadas, geben uns einen Eindruck vom heutigen Leben einer Indianerfamilie. Doch es sind keine Unterhaltungsromane, keine abenteuerlichen Geschichten, die uns geboten werden. Nein, es sind Momentaufnahmen aus dem ganz normalen Familientag.

Helfen (niwîcihâw)Helfen

Ein Junge und seine Großmutter packen ihre Sachen. Sie machen einen Ausflug, fahren in den Wald, um dort gemeinsam Früchte zu sammeln, Tee zuzubereiten und auch zu beten.
Mit minimalsten Worten erzählt der Junge von diesem Ausflug. Die Sätze sind aufs Einfachste heruntergebrochen. Dafür sind es die Bilder, die zu Wort kommen. Mit Acrylfarben auf Leinwand gemalt, zeigen sie uns einen kanadischen Wald. Die braunen Töne lassen darauf schließen, dass es Herbst ist. Die Tatsache, dass Großmutter und Enkel Hagebutten sammeln, bestätigen dies. Dennoch muss es noch warm sein, denn der Junge läuft im Wald mit freiem Oberkörper herum. Vielleicht ist ihm auch nur warm geworden?
Diese simplen, aber dennoch ausdrucksstarken Zeichnungen strahlen Kraft und Ruhe zugleich aus. Man spürt die Entschleunigung, die Ruhe des Waldes und das Lebensgefühl der Großmutter. Helfen steht hier im Vordergrund. Der Enkel hilft seiner Großmutter beim Beerensammeln, beim Stutzen der Sträucher. Sie essen gemeinsam, und während sie dann ausruht, spielt er am See.

Helfen - niwîcihâw - I help
Helfen - niwîcihâw - I help


Helfen niwîcihâwWarten

Ähnlich verhält es sich auch im zweiten Buch. Hier sind es aber nicht Großmutter und Enkel, die etwas gemeinsam unternehmen, sondern Großmutter, Tochter und Enkelin. Es ist eine Geschichte über drei Generationen. Doch wie auch bei „Helfen“ gibt es hier keine dramatischen Höhepunkte und spannenden Wendungen. Auch dieses Buch ist eine Momentaufnahme aus dem Leben des Cree-Stammes. Drei Frauen, die auf etwas Warten. Darauf, dass die Großmutter kommt, dass sich alle zum Beten treffen, dass sie gemeinsam Schafgarbe sammeln. Am Ende steht wieder das Gemeinsame. Gemeinsam lachen, gemeinsam glücklich sein.
Diese Geschichte spielt im Sommer, was man an dem leuchtenden, kräftigen Grün erkennen kann. Auch diese Bilder wurden mit Acryl auf Leinwand gemalt und genau wie im anderen Buch, strahlen sie Ruhe, Gelassenheit und Freude an der Schönheit der Natur aus. Die Frauen nehmen nur das, was sie brauchen. Sie sammeln nicht auf Vorrat, sie pflücken nicht, weil es zur Verfügung steht. Dieses Buch fängt das Lebensgefühl der Cree ein und gibt es mit minimalistischen Mitteln an den Betrachter weiter.

Warten - nipêhon - I Wait
Warten - nipêhon - I Wait


Die Besonderheit Schrift

Wie mehrfach erwähnt, kommt das Buch ohne viele Worte aus. Im Gegenteil, der Text ist auf ein absolutes Minimum gekürzt. Zwei bis drei Worte pro Satz, allerhöchstens vier. Dennoch fällt auf, dass mehr Sätze abgedruckt sind. Tatsächlich ist das Buch dreisprachig verfasst. In der Mitte sehen wir Zeichen, die uns fremd sind. Es ist die Cree-Schrift, eine der am weitesten verbreiteten indigenen Sprachen in Kanada. Daneben finden wir die Lautschrift in lateinischen Buchstaben sowie die deutsche Übersetzungen. Damit das Wissen um die Sprache und die traditionellen Werte nicht verloren gehen, haben sich die beiden Autorinnen zusammengesetzt und diese zwei Bücher ausgearbeitet.

„Helfen“ und „Warten“ sind keine Bücher mit einer abenteuerlichen Geschichte, aber dennoch zwei Bücher, die bewegen und einen tiefen Eindruck hinterlassen. Sie zeigen wie das Leben der Cree-Indianer heute aussieht, wie sie noch immer im Einklang der Natur leben und spiegeln das ruhige, unaufgeregte Lebensgefühl wider.

Details

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