Der Rattenfänger von Hameln

von Thomas Baas (Illustration)
Rezension von Janett Cernohuby | 20. Dezember 2016

Der Rattenfänger von Hameln

Sagen sind zeitlos. Die kurzen Geschichten vergangener Zeiten, in denen die Wirklichkeit übersteigernde Elemente zu finden sind, begeistern auch heute noch viele Leser. Daher ist es erfreulich, dass von Zeit zu Zeit Kinderbuchautoren und -illustratoren beliebte Sagen aufgreifen, sie neu erzählen und natürlich auch mit neuen Bildern versehen. So auch geschehen mit "Der Rattenfänger von Hameln", das von Thomas Baas neu illustriert wurde.

Zur Weihnachtszeit des Jahres 1283 wurde die Stadt Hamlen von einer furchtbaren Plage heimgesucht. Ratten hatten es sich in Hameln bequem gemacht und fraßen die Vorratskammern leer. Die Not war groß, doch zum Glück kam schon bald ein Fremder in die Stadt und bot seine Hilfe an. Auf seiner Flöte spielte er eine eigentümliche Musik, die die Ratten dazu brachte, ihm zu folgen. So führte er sie aus Hameln hinaus und ließ das Ungeziefer im Fluss ertrinken. Doch anstatt dankbar zu sein und dem Fremden den versprochenen Lohn zu zahlen, schickte man ihn fort. Der Mann schwor bittere Rache und tauchte tatsächlich einige Zeit später wieder auf. Erneut spielte er eine wundersame Melodie auf seiner Flöte. Doch dieses Mal folgten ihm keine Tiere, sondern die Kinder der Stadtbewohner! Er führte sie immer weiter hinaus und verschwand mit ihnen für immer hinter den Bergen.

Keine Sage ist so weit verbreitet, wie die vom Rattenfänger von Hamlen. Es gibt sie in zahlreichen Adaptionen und immer wieder neuen Auflagen. Auch andere Länder haben sie aufgegriffen und die Stadt Hameln mit einer anderen ausgetauscht. Denn letztendlich geht es um eine ganz klare Botschaft: bricht man ein Versprechen, zieht dies Konsequenzen nach sich.
Nun wagte man sich erneut an die Umsetzung als Bilderbuch. Inhaltlich hat die Sage kaum verändert. Lediglich wurden die Ereignisse von der Frühling-/Sommerzeit in die Weihnachtszeit verschoben. Alles andere ist beim weit Verbreiteten geblieben.
Neu dagegen sind die Illustrationen des Buchs. Sie sind sehr modern, nicht nur im Pinselstrich und in der Farbgebung, sondern vor allem in der Darstellung des mittelalterlichen Hamelns. Denn mittelalterlich ist an diesem Hameln gar nichts mehr. Die Geschäfte mit ihren Auslagen und großen Fensterscheiben, die Lichterketten zwischen den Häusern und die Architektur der Stadt stammen eher aus den 1970er Jahren. Ähnliches trifft auch auf die Menschen und ihre Kleidung zu. Lediglich der Rattenfänger selbst erinnert mit seinem langen Mantel und seinem Hut an einen fahrenden Spielmann vergangener Zeiten. Beides, mittelalterliche Erzählung und moderne Bilder, passen nicht wirklich gut zusammen. Natürlich haucht Thomas Baas mit seinen Bildern der Geschichte neues Leben, mehr Moderne ein, doch dann hätte man noch einen Schritt weiter gehen sollen und auch die Erzählung selbst in die Neuzeit bringen sollen. Oder wenigstens auf die Jahresangabe verzichten, so dass sie keiner festen Epoche mehr zugeordnet werden kann. So kann die Neuinterpretation des Rattenfänger von Hameln nur eingeschränkt überzeugen und vor allem dann, wenn man beim Betrachten der Illustrationen vergisst, wann sich die Ereignisse tatsächlich zugetragen haben.

"Der Rattenfänger von Hameln" von Thomas Baas ist eine Neuinterpretation einer der bekanntesten deutschen Sagen. Der Illustrator holte die Legende mit seinen Zeichnungen in unsere Zeit, jedoch wurde der Text im Mittelalter belassen. Da Bilder und Text nicht miteinander harmonieren, kann diese alte Überlieferung ihren Zauber auch nicht vollends auf den Leser übertragen. Was natürlich sehr schade ist, handelt es sich hierbei doch um eine schöne, alte Sage.

Details

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