Ich habe den Todesengel überlebt

von Eva Mozes Kor, Lisa Rojany Buccieri
Rezension von Janett Cernohuby | 26. Februar 2012

Ich habe den Todesengel überlebt

Über 60 Jahre ist es her, seit die Nazis Juden in ihre Konzentrationslager verschleppten und dort systematisch vernichteten. Einige von ihnen gerieten in die Hände Mengeles, eines KZ-Arztes, der an ihnen grausame medizinische Experimente durchführte. Besonderes Interesse hatte der Todesengel an Zwillingen. Eva Mozes und ihre Zwillingsschweter Miriam gerieten ebenfalls in dessen Hände. Von ihren Erinnerungen erzählt Eva Mozes in dem Jugendroman "Ich habe den Todesengel überlebt".

Eva und ihre Zwillingsschwester erblicken 1934 im rumänischen Siebenbürgen das Licht der Welt. Die ersten Jahre ihrer Kindheit verbringen sie wohlbehütet in einem kleinen Dorf, doch mit der Machtergreifung Hitlers endet dies schlagartig. Von nun an wird die Familie von den anderen Dorfbewohnern aufgrund ihrer jüdischen Herkunft schikaniert und gepeinigt. Dies gipfelt 1944 in der Deportation nach Ausschwitz. Dort werden die Zwillinge von ihren Eltern und Geschwistern getrennt, die sie nie wieder sehen sollen. Denn Zwillinge sind etwas Gutes - zumindest in den Augen des KZ-Arztes Mengele. An ihnen führt er medizinische Experimente durch, denn er will das Geheimnis der Zwillingsbildung entschlüsseln. Eva und ihre Schwester kommen in einen Extratrakt, eigens für Zwillinge. Die Lebensbedingung hier sind etwas besser als die der anderen KZ-Insassen und die Zwillinge genießen einige "Privilegien", wie etwa einmal wöchentlich duschen. Doch schon kurz nach ihrer Ankunft werden Eva und Miriam ins Labor geführt und die ersten von vielen Experimenten werden an ihnen durchgeführt. Bei einem von diesem wird Eva mit Scharlach infiziert. Doch sie hat sich geschworen, Auschwitz zu überlegen und so kämpft sie. Nach einigen Wochen kann sie schließlich das Krankenlager verlassen. Die Versuche freilich enden nicht. Diese dauern an, bis Ausschwitz schließlich von der sowjetischen Armee befreit wird. Doch auch hier ist der Leidensweg der Mädchen nicht vorbei. Wohin sollen sie nun gehen, da niemand aus ihrer Familie überlebt hat? Nach vielen Jahren gelingt es ihnen schließlich, zur Familie ihres Onkels nach Israel zu reisen.

Viele werden vielleicht denken "oh nein, noch ein Holocaust-Roman". Freilich gibt es auf dem Buchmarkt schon viele davon, dennoch ist auch dieser ein weiterer wichtiger Beitrag. Er ist die Stimme einer der letzten noch lebenden Zeitzeuginnen, speziell ist er die Geschichte eines Mengele-Opfers, das als zehnjähriges Kind schreckliches erlebt und vor allem überlebt hat. Und er ist speziell für Jugendliche geschrieben. Was heißt das genau? Vor allem, dass die schreckliche und grausame Brutalität gemildert wurde. Freilich, die Angst und Gewalt, die KZ-Häftlinge in Auschwitz tagtäglich erlebten, das Wissen um die Gaskammern und der allgegenwärtige Tod bleiben auch in diesem Buch erhalten. Doch bei weitem nicht so grausam direkt und offensichtlich, wie in Romanen für Erwachsene. Das macht das Buch optimal für junge Leser, ohne aber vergessen zu lassen, wie menschenunwürdig es in KZs des Dritten Reichs zuging.
Im Mittelpunkt der Ereignisse stehen natürlich die Zwillinge Eva und Miriam. Eva ist die Erzählende, von ihr erfahren wir, wie die Anfeindungen gegenüber Juden begannen - selbst in den kleinsten und entlegensten Dörfern. Wir begleiten sie bei der beschwerlichen Fahrt nach Auschwitz und wir erleben hautnah mit, wie sie von ihren Eltern getrennt wird. Wir folgen den Schwestern zu den täglichen Experimenten in die Labors und wir leiden mit ihnen. Gleichzeitig empfindet man auch Bewunderung und Respekt. Respekt für zwei zehnjährige Kinder, die sich gegenseitig unterstützen, helfen und Dinge tun, für welche die Todesstrafe droht. Nicht zuletzt durch die erzählende Ich-Form spürt man die allgegenwärtige Angst, aber auch den Mut der Verzweiflung.
Der Roman ist nicht nur ein Bericht über Gräueltaten, nicht nur eine Erinnerung und ein Mahnmal, er bewegt und berührt gleichzeitig. Als Leser wird man ihn nicht einfach aus der Hand legen, sondern noch eine Weile über das Gelesene nachdenken. Besonders über das Nachwort Eva Mozes Kors, in dem sie unter anderem davon berichtet, einen NS-Arzt getroffen und ihm vergeben zu haben. Eine Tat, die man sich als Außenstehender nur schwer vorstellen kann - und wieder einmal kommt das Gefühl der Bewunderung auf.

Zusammengefasst ist der Jugendroman "Ich habe den Todesengel überlebt" ein wichtiger Beitrag zum Thema Holocaust. In ihm erzählt ein Mengele-Opfer von ihrer Zeit in Auschwitz und den dort durchgeführten medizinischen Experimenten. Da der Roman für junge Menschen geschrieben wurde ist der Schrecken und die Brutalität hier nur unterschwellig zu spüren - das macht ihn gleichzeitig lesenswert für all jene Leser, denen Erwachsenenromane zu grausam sind, die sich aber dennoch mit dem Thema auseinander setzen wollen. Ein Buch das bewegt, berührt und ergreift.

Details

  • Verlag:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    01/2012
  • Umfang:
    222 Seiten
  • Typ:
    Taschenbuch
  • Altersempfehlung:
    12 Jahre
  • ISBN 13:
    9783570401095
  • Preis:
    6,99 €

Bewertung

  • Gesamt:
  • Spannung:
  • Anspruch:
  • Humor:
    Keine Bewertung
  • Gefühl: