Märchenspinnerei, Licht und Schatten

Das Lied des Herbstmondes


Rezension von Stefan Cernohuby | 06. Dezember 2021

Das Lied des Herbstmondes

Manche Geschichten haben zwei Seiten. Auch wenn es sich bei einer solchen Behauptung um Schwarz-Weiß-Malerei handelt, ist sie im Kontext von Märchen durchaus zutreffend. Was aber, wenn Märchen in der Realität aufschlagen? Kann man dann ebenfalls eine so einfache Trennlinie ziehen? Dieser Frage geht Christina Löw in ihrem Roman „Das Lied des Herbstmondes“ nach, der die düstere Seite des Märchens „Jorinde und Joringel“ darstellen soll.

Carolin ist nicht die beste Schülerin, aber in der Regel kommt sie zurecht, auch wenn sie manchmal etwas Hilfe benötigt. Wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat, bekommt sie das in der Regel jedoch. In etwa wie in der Schulaufführung des Musicals „Wicked“, wo sie die Rolle der Galina singen möchte. Etwas, was grundsätzlich gut passt, hat Galina doch ähnliche Charaktermerkmale. Doch diesmal wollen es das Schicksal und die kreative Leitung des Musicals anders. Ihr wird die Rolle von Elphaba angetragen – die zweite Hauptrolle und gewissermaßen der Bösewicht. Genauso destabilisierend wirkt sich aus, dass ihre schon seit Jahren verstorbene Großmutter ihr zum 16. Geburtstag einen Brief zukommen lässt, in dem sie ihr mitteilt, eine Wicca gewesen zu sein. Über eine Freundin ihrer Großmutter erhält sie unter anderem ein Wicca-Buch und macht etliche übernatürliche Erfahrungen. Da ist eine Eule mit roten Augen, die sie aufsucht, ein Reh in ihren Träumen und eine Verkäuferin in einem alternativen Shop, die ihr bei ihren ersten Gehversuchen in der Welt der Wicca zur Seite steht. Da viel zu viel alles auf einmal zusammenkommt, stürzen ihre Noten plötzlich ab – und dann steht schlagartig viel mehr auf dem Spiel: Theaterstück, Freundschaft und ihre neue Leidenschaft. Doch was war der dunkle Punkt in der Vergangenheit ihrer Großmutter, weswegen ihre Familie den Kontakt beinahe vollständig abgebrochen hatte?

Man erlebt mit, wie das eigentlich relativ kontrolliert verlaufende Leben der Protagonistin Stück für Stück an Stabilität einbüßt. Die Handlung, in der ein Theaterstück, die Hauptrollen desselben, die Magie, übernatürliche Entitäten und nicht zuletzt auch die verstorbene Großmutter und ihre Taten auf sie Einfluss nehmen, könnte komplett unübersichtlich und turbulent werden. Das passiert aber nicht, unter anderem, da Christina Löw gerade im Rahmen der Wicca-Erfahrungen sehr strukturiert vorgeht und genau beschreibt, was passiert. Hier hat man ein wenig das Gefühl, dass die Autorin sehr genau recherchiert hat und vieles von ihrem Wissen mit in die Ereignisse einbringen wollte oder musste. Das nimmt manchen Stellen ein wenig an Dramatik, die angesichts der Ereignisse eigentlich vorherrschen sollte. Allerdings wird man als Leser dafür an einer anderen Stelle des Buchs von den Ereignissen komplett kalt erwischt. Diese könnte auch der Grund sein, warum man das als Jugendbuch konzipierte Werk vielleicht doch erst besser ab 14 aufwärts empfehlen sollte. Was das Werk darüber hinaus interessant macht, ist, dass es sich um eine von zwei Hälften der Adaption des Märchens „Jorinde und Joringel“ handelt – der zweite Band von Julia Maar mit dem Titel „Herbstblume“ setzt viel später an. Zwei Details, die ebenso wie die überraschende Wendung positiv auf den Gesamteindruck wirken.

„Das Lied des Herbstmondes“ von Christina Löw ist der 9. Band der Reihe „Licht und Schatten“ der Märchenspinnerei. Als erste Hälfte einer Adaption von „Jorinde und Joringel“ mischt das Werk die Umsetzung eines Hexenmusicals, Schulprobleme, Familiengeheimnisse und übernatürliches rund um die Wicca-Bewegung zu einem Gesamtkonzept. Auch wenn dieses manchmal ein wenig zu detailliert erscheint, können der Platz des Werks im Gesamtkontext und eine ziemlich überraschende und schockierende Wendung das Ruder herumreißen.

Details

Bewertung

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