Abschied für immer und nie

von Amy Reed
Rezension von Janett Cernohuby | 20. Januar 2016

Abschied für immer und nie

Die Diagnose Krebs ist ein Schock, welcher nur noch dadurch gesteigert werden kann, dass sich die Krankheit bereits in einem unheilbaren Stadium befindet. Wie verhält man sich dann? Quält man sich weiter mit aussichtslosen Therapien? Verzichtet man auf diese und genießt die Zeit, die einem noch bleibt? Und wie nutzt man diese Zeit am besten, womit füllt man sie aus? Denn was hat man schon noch zu verlieren?

Evie ist gerade erst siebzehn Jahre, jedoch kämpft sie seit ihrer Kindheit gegen den Krebs. Vor einigen Wochen kam er erneut zurück, brachte sie wieder in auf die Kinderkrebsstation des Krankenhauses, dieses Mal in ein Einzelzimmer. Evie weiß was das bedeutet. Sie ist ein hoffnungsloser Fall, ohne Hoffnung auf Heilung. Tatsächlich bestätigt der Arzt bald, dass ihre Chancen unter 10% liegen. Evie findet sich damit ab, wartet auf das Ende. Doch dann geschieht ein Wunder: Sie wird gesund und kann das Krankenhaus verlassen.
Doch die Rückkehr in die Welt der Gesunden ist alles andere als leicht. Sie kann nicht mehr an ihr früheres Leben anschließen, nicht mehr mit ihren Freunden über den banalen Schüleralltag sprechen, sich nicht mehr mit ihnen identifizieren. Dann lernt sie Marcus kennen. Er scheint sie zu verstehen und kann sich ebenfalls nicht von dem Strom, von dem die breite Masse getragen wird, mitziehen lassen. Evie bricht mit allem, was ihr lieb und teuer ist - und bemerkt dabei nicht, wie sie auf einen Abgrund zusteuert.

Wie knüpft man nach langer, schwerer Krankheit wieder an ein normales Leben an? Wie geht das überhaupt, Leben, wenn man doch eigentlich schon dem Tode geweiht war? Die siebzehnjährige Evie steht genau vor diesem Dilemma. Sie kann nicht so tun, als wäre alles in Ordnung, zuvor nichts geschehen und weitermachen wie bisher. Die Krebserkrankung hat sie verändert, ihre Eltern, ihre Schwester. Doch keiner kann damit umgehen, keiner kann problemlos in die Welt der Gesunden zurückkehren. Die Eltern und Schwester täuschen es vor, tun so, als wäre jetzt wieder alles normal, doch Evie kann das nicht. Zu viel hat sie durchmachen müssen, zu viel Leid gesehen.
Leid, dass auch am Leser nicht vorbeigeht. Der Gang durch die Kinderkrebsstation gibt einen Einblick in den Kummer, den es auch außerhalb dieser Buchseiten gibt. Kinder, die eigentlich glücklich und ungezwungen draußen spielen und toben sollten, liegen geschwächt in Krankenhausbetten. Und dazwischen die Protagonistin dieses Buches. Zumindest die erste Hälfte wird über ihre Zeit im Krankenhaus sehr gefühlvoll und intensiv erzählt. Die Worte gehen unter die Haut, ebenso Evies Leid und Seelenschmerz. Doch dann kommt die Wendung. Die Wunderheilung und mit ihr neuer, anderer Schmerz. Denn plötzlich wurde Evie etwas genommen, das sie bisher definierte: ihre Krankheit. Natürlich sollte man sich darüber freuen, wie ihre Eltern es tun, für Evie stellt sie nun die Frage, wer sie eigentlich ist. Sie steht verloren und einsam in einer Welt, die sie nicht mehr kennt und nicht mehr versteht. Man kann nicht einfach so ins Leben zurückkehren und tun, als wäre nichts geschehen. Als wären im Krankenhaus nicht Freunde gestorben, als hätte man nicht nicht auch zu ihnen gehört und sollte schon längst unter der Erde liegen. Um solch eine Erfahrung zu verarbeiten, braucht es professionelle Hilfe - und die erhält Evie nicht. Kein Wunder also, dass sie ihre Gefühle, die Suche nach einem Platz in der normalen Welt, darin sucht, dass sie über alle Regeln der Moral schlägt. Sie rebelliert, verhält sich aufmüpfig, kränkt, verletzt, beleidigt die Menschen, die einst ihre liebsten waren. Sie sagt sich von ihnen los, weil sie mit sich selbst nichts mehr anzufangen weiß. Bekommt sie Hilfe? Außer gut gemeinten Worten von Lehrern sowie Ermahnungen, Predigten und letztendlich Vorwürfen von Seiten ihrer Eltern ist sie völlig sich selbst überlassen. Der Anfang vom Ende.
Der Roman ist ergreifend und erschütternd. Er ist düster, traurig und dramatisch. Und er hat kein Happy End, das wollen wir verraten. Nichts kommt wieder in Ordnung, nichts wendet sich zum Guten. Das mag zwar Leser enttäuschen, die sich gerne in eine heile Welt flüchten, jedoch zeichnete die Autorin hier eine glaubwürdige Realität. Zumindest in einigen Punkten. Über die Wunderheilung kann man geteilter Meinung sein. Ob sie in dieser Form wirklich möglich ist, wagen wir stark zu bezweifeln. Doch es ist ein Roman und da sind solche Mittel erlaubt.

"Abschied für immer und nie" ist ein gefühlvoller und intensiver Roman. Er geht unter die Haut, berührt, ergreift und macht betroffen. Er handelt von einem jungen Mädchen, das ihren Kampf gegen den Krebs aufgegeben hat, aber plötzlich doch gewinnt. Er handelt davon, dass eben dieses Mädchen es nicht mehr schafft, an ihr altes Leben anzuknüpfen und sich in der Welt der Gesunden zurechtzufinden. Es ist ein Roman ohne Happy End, aber dennoch lesenswert.

Details

  • Autor/-in:
  • Genre:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    11/2015
  • Umfang:
    304
  • Typ:
    Hardcover
  • Altersempfehlung:
    17 Jahre
  • ISBN 13:
    9783959670104
  • Preis:
    16,90 €

Bewertung

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