Wir wollen doch nur spielen

von Berenike Oppermann, Elisabeth Kihßl (Illustration)
Rezension von Janett Cernohuby | 23. April 2018

Wir wollen doch nur spielen

Kinder haben eine blühende Fantasie. Das zeigen sie uns jeden Tag aufs Neue, wenn sie tief in ihrem Spiel versinken oder an den ungewöhnlichsten, manchmal auch unmöglichsten Orten zu spielen beginnen. Nicht immer sind wir Erwachsenen davon begeistert, denn die bunte, unbekümmerte Kinderwelt passt selten mit unserer rationalen Erwachsenenwelt zusammen. Genau dieses Thema greift das Bilderbuch "Wir wollen doch nur spielen" auf.

Wenn Große und Kleine aufeinander treffen

Ein großer Teich voll klarem Wasser, dazwischen tummeln sich wasserspritzende Wale, schlafende Krokodile und kleine Meerjungfrauen.
Dann ist da der Gepard, der nicht nur am schnellsten laufen, sondern auch große Sprünge machen kann. Er macht Sprünge durch Feuerreifen, ganz wie im Zirkus.
Und es gibt ein Kettenkarussell, dessen Sitze wild im Kreis herumwirbeln, immer schneller und schneller.
Doch jedes Mal, wenn das kleine Mädchen sich ganz ihrer Fantasie hingibt, in ihre eigene bunte Kinderwelt eintaucht, rufen Mama oder Papa sie zurück, ermahnen sie, nicht so laut, nicht so wild zu sein und schon gar nicht auf der Straße, in der U-Bahn oder am Brunnen.
Gemein, findet das das kleine Mädchen. Nun ja, sagt der Großvater, und erklärt seiner unglücklichen Enkeltochter, dass die Welt der Großen und Kleinen manchmal sehr unterschiedlich sein kann.

Ein Bilderbuch-Plädoyer für gegenseitiges Verständnis

Unser Alltag ist voller Regeln, die das Zusammenleben erleichtern sollen. Diese von Erwachsenen aufgestellten Regeln sind für Kinder aber nicht immer verständlich und nachvollziehbar. Sie haben einen ganz anderen Blick auf die Welt, nehmen alles viel fantasievoller und verspielter dar. Das ist natürlich gut. Kinder sollen kreativ sein, sie sollen Fantasie haben und beides auch ausleben dürfen. Dennoch müssen sie lernen, dass es Situationen und Orte gibt, an denen es manchmal nicht möglich ist. Dieser Lernprozess sorgt natürlich für Streit und Reibereien. Wir Eltern sehen die Welt manchmal zu rational und haben vergessen, dass auch Spaß dazu gehört. Kinder dagegen müssen lernen, dass man sich in bestimmten Momenten an Regeln halten muss - auch wenn man keine Lust dazu hat. Doch wie schafft man es, beide Welten unter einen Hut zu bringen? Wie gelingt es, diese Kluft der unterschiedlichen Perspektiven zu überwinden? Autorin Berenike Oppermann lädt mit ihrem Bilderbuch zum Dialog ein. Sie erzählt mit wenigen Worten und aus der Sicht der Kinder, was diese sich gerade denken. Dafür griff sie zwölf unterschiedliche Situationen aus dem Alltag auf, die jeder Familie bekannt sind. Diese kindliche Sichtweise klingt manchmal sehr direkt und hart. Doch wir alle wissen, dass Kinder kein Blatt vor den Mund nehmen und nichts beschönigen, sondern Dinge so sagen, wie sie sind. Abgemildert werden die Aussagen durch die Illustrationen von Elisabeth Kihßl. Ihre Collagen aus Aquarell und Tusche sind farbenprächtig und fantasievoll. Wunderbar greifen sie die kindliche Fantasiewelt auf und spiegeln sie wieder.
Dennoch bleibt abschließend die Frage, für welches Lesepublikum das Buch geeignet ist. Grundsätzlich natürlich für alle Familien, will es doch eine Brücke zwischen der Sichtweise von Eltern und Kinder schlagen. Doch gerade weil das Buch sehr, sehr viel Raum für eigene Interpretationen, Rückschlüsse und Schlussfolgerungen, eignet es sich nicht für alle Familien gleichermaßen. Es ist ein Buch, das beiden Seiten die Ausgangssituationen zeigt, aber keine Anregung für eine Auflösung bietet. Diese müssen Eltern und Kinder sich gemeinsam erarbeiten. Es ist also ein Buch, das zu Gesprächen und Diskussionen einlädt und Verständnis beim Gegenüber für die andere Sichtweise schaffen möchte. Eine gute Idee, die es aber damit gleichzeitig auch zu einem Bilderbuch macht, dass eben nicht für alle Familien geeignet ist. Denn wer abgeschlossene Inhalte sucht, die alles genau erklären und die man nur vorlesen braucht, dem wird "Wir wollen doch nur spielen" nicht zusagen.
Anders sieht es in Kindergärten und -gruppen aus. Hier ist der pädagogische Zugang ein anderer, und es kann mit diesem Buch wunderbar gearbeitet, entdeckt, erkundet und Verständnis geweckt werden.

Eltern und Kinder haben es nicht immer leicht, denn oft trifft rationale Erwachsenenwelt auf fantasievolle Kinderwelt. Das sorgt immer wieder für Konfliktsituationen, wenn die Erwartungshaltung beider Seiten weit auseinander geht. Doch man kann versuchen, die Sichtweise des anderen zu verstehen und aufeinander zuzugehen. Mit seinen Szenen aus dem Alltagsleben bietet das Buch eine gute Grundlage für gemeinsame Gespräche zwischen Groß und Klein an.

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