Ich bin Vincent und ich habe keine Angst

Antolin Quiz
von Enne Koens, Maartje Kuiper (Illustration)
Rezension von Janett Cernohuby | 12. August 2019

Ich bin Vincent und ich habe keine Angst

Leider ist für viele Kinder der tägliche Schulalltag ein Überlebenskampf. Sie sehen sich keinen Klassenkameraden gegenüber, sondern gefährlichen Gegnern, die sie beleidigen, schikanieren und auch nicht vor körperlicher Gewalt zurückschrecken. Vincent ist ein solches Kind und er geht mit den Mobbingangriffen auf eine ganz besondere Art um.

Überleben in der Wildnis

Denn Vincent hat ein Lieblingsbuch, dass er nicht nur mehrmals gelesen, sondern auch verinnerlicht hat: das große Survival-Handbuch. Er kennt es fast auswendig und hat sogar sein eigenes Survival-Kit zusammengestellt. Vincent ist sich sicher, dass er es auch bald brauchen wird, denn in einer Woche geht seine Klasse auf Klassenfahrt und wird einige Tage im Waldcamp verbringen. Seine Mitschüler, allen voran Dilan, haben ihm schon angedroht, ihn dort „zu kriegen“. Was auch immer das genau bedeuten mag, Vincent weiß, dass er vorher abhauen muss. Einige Tage vor der Klassenfahrt kommt eine neue in die Klasse: Jacqueline, die allerdings nur „Die Jacke“ genannt werden will. Sie freundet sich mit Vincent an, spürt aber gleichzeitig, dass er ein Geheimnis verbirgt. Doch Die Jacke ist anders als Dilan. Sie ist cool, verwegen und lässt sich nicht so schnell unterkriegen. Und sie ist für Vincent da, als er sie am dringendsten braucht…

Ich bin Vincent und ich habe keine Angst

Szenen aus dem Schüleralltag

Enne Koens erzählt mit ihrem Kinderbuch „Ich bin Vincent und ich habe keine Angst“ eine berührende, ergreifende und auch starke Geschichte. Es ist eine Geschichte über Mobbing, wie es immer mehr Kinder im Schulalltag erleben. Es ist eine Geschichte über Angst, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung. Aber es ist auch eine Geschichte über Mut, Kraft und Freundschaft.
Im Mittelpunkt des ganzen steht der Junge Vincent, der den Leser/-innen die Ereignisse auch unmittelbar und in der Ich-Perspektive erzählt. So bekommen wir einen guten Einblick in seine Gefühlswelt. Wir erleben Angst, Verzweiflung und Aussichtslosigkeit hautnah mit und wünschen uns, irgendwie eingreifen und ihm helfen zu können. Das können wir natürlich nicht, sondern Vincent muss seinen Weg gehen. Aber nicht alleine. Nicht nur das Kindermädchen, das nach der Schule auf ihn aufpasst, steht ihm zur Seite, bietet ihre Hilfe an, sondern auch eine neue Mitschülerin, die ziemlich cool ist und eine eigene, kleine Geschichte mit sich herumträgt.

Ich bin Vincent und ich habe keine Angst

Immer wieder fragen wir uns beim Lesen, warum eigentlich? Was hat Vincent getan, dass ihn seine Mitschüler, allen voran dieser Dilan, so schikanieren? Nun, Vincent hat großes Interesse am Survival in der Wildnis. Er hat ein Buch darüber gelesen, nein, regelrecht verschlungen. Das macht ihn vielleicht ein wenig eigenwillig, aber nicht unsympathisch. Im weiteren Verlauf stellt wird klar, dass Dilan ein ziemlich mieser Kerl ist, der Vincent zunächst ausgenutzt hat und nun seine Freude daran hat, ihm Gewalt anzutun. Die anderen Schüler schweigen, aus Angst vor Dilian. Auch hier erleben wir wieder eine typische Schulsituation.
Vincents Eltern haben freilich von einigen der Problemen gehört, doch wie oft, haben weder die Lehrer noch sie die Situation richtig erfasst. Sie schleifen Vincent zu einem Psychologen, der natürlich prompt Vincents grundsätzliches Verhalten in Frage stellt, anstatt dessen wirkliche Angst zu begreifen. Er wirft dem Jungen sogar vor, sich selbst nicht anzustrengen, Freunde zu finden. Dabei merkt er nicht, wie sich Vincent durch diese Therapie noch mehr einigelt und die Probleme in sich hineinfrisst. Auch seinen Eltern täuscht er eine heile Welt vor. Etwas, das natürlich nicht stimmt.
Doch es geht in der Geschichte nicht darum, auf Erwachsene zu zeigen und zu sagen, ihr versteht es nicht, sondern darum, wie es Vincent gelingt, aus der Spirale von Mobbingattacken zu entkommen. Freilich ist Davonlaufen keine Lösung, aber es ist etwas, das in diesem Buch einiges ins Rollen bringt und die Situation zu einem guten Ende kommen lässt. So bekommt eine Handlung, die über weite Strecken hoffnungslos, bedrückend und aussichtslos erscheint, plötzlich eine positive Wendung. Die Leserschaft atmet auf, ist erleichtert und froh darüber, dass am Ende alles besser wird.

Enne Koens schrieb mit „Ich bin Vincent und ich habe keine Angst“ wieder ein großartiges Kinderbuch, das mit einer fesselnden, tiefgründigen Geschichte aufwartet. Die Autorin greift ein ernstes und wichtiges  Kinderthema auf, mit dem sich immer mehr Schüler auseinandersetzen müssen. Sie erzählt es aus Schülersicht und auf eine Art, die Mut macht, die Hoffnung gibt und die verdeutlicht, dass man Mobbingattacken nicht stillschweigend ertragen, sondern sich dagegen wehren soll.

Details

Bewertung

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