Neue Nester für die Schwalben

von Holm Schneider
Rezension von Janett Cernohuby | 15. Mai 2014

Neue Nester für die Schwalben

Schwalben sind nicht einfach nur Zugvögel, die im Herbst in den warmen Süden fliegen, mit ihnen verbinden wir auch andere Dinge. Zuallererst natürlich den beginnenden oder scheidenden Sommer. Doch die Schwalbe steht darüber hinaus auch für Hoffnung, Liebe und persönliche Freiheit.
Es gibt Situationen im Leben, da ist Hoffnung mitunter das einzige, was uns noch bleibt. Die Hoffnung auf die Genesung eines lieben Menschen - etwa von einer schweren Krankheit oder nach einem tragischen Unfall. Diese Hoffnung ist auch ein Thema in Holger Schneiders Kinderbuch "Neue Nester für Schwalben".

Wie schon viele Male zuvor freut sich die achtjährige Johanna auf das bevorstehende Wochenende in Klosterbuch. Wie gerne verbringt sie dort einige Tage auf dem Bauernhof, dessen Gutsherren vor allem jenen Tieren und Menschen ein Zuhause geben, die nicht ohne Hilfe anderer alleine leben können. Doch dieser spezielle Ausflug soll Johanna prägen. Denn an diesem Wochenende lernt sie Holger kennen, einen großen Mann mit einer großen Narbe am Kopf, wie sie Piraten nach einem Kampf davontrugen. Die erste Begegnung mit dem seltsamen Kerl macht Johanna so viel Angst, dass sie vor ihm davon läuft. Von der Gutsherrin Elsbeth erfährt sie, was es mit Holger auf sich hat. Nach einem schweren Unfall trug er eine schwere Gehirnverletzung davon, lag lange Zeit im Koma, aus dem er glücklicherweise wieder erwachte. Doch nicht ohne Folgen, denn Holger musste alles neu lernen. Er konnte nicht mehr alleine essen, sondern musste gefüttert werden. Er konnte nicht mehr gehen, brauchte ein Schutzgitter am Bett und musste gewindelt werden. Über viele Jahre hinweg lernte er wieder selbstständig zu werden. Doch eines kann er bis heute noch nicht richtig: sprechen. Bei Johannas erster Begegnung spricht er noch immer sehr unverständlich. Als Johanna einige Zeit später erneut mit ihren Eltern für ein paar Tage auf den Bauernhof fährt, hat sich vieles verändert. Holger kann zwar immer noch nicht sprechen, doch er hat eine Aufgabe gefunden, die ihn fordert und fördert. Er soll das Schwalbenleben auf dem Bauernhof genauestens beobachten und dokumentieren. Eine Aufgabe, in der Holger voll und ganz aufgeht, die ihm einen Platz im Leben gibt. Und sie gibt ihm noch etwas anderes. Langsam und schrittweise bringt sie ihm die Sprache zurück - wie es scheint mit jeder Schwalbe, die dank Holger ein neues Zuhause auf dem Bauernhof findet...

"Neue Nester für die Schwalben" ist ein sehr emotionales, ergreifendes und tiefsinniges Buch. Der Autor Holm Schneider, der gleichzeitig auch Kinderarzt am Universitätsklinikum Erlangen ist, erzählt mit viel Feingefühl die Geschichte eines jungen Mädchens, das zum ersten Mal mit einem behinderten Menschen in Berührung kommt. Dabei lässt er vor allem die Protagonistin zu Wort kommen, indem er das Buch aus der Ich-Perspektive schreibt. Das gibt dem Autor die Möglichkeit, alle kindlichen Gedanken, Gefühle und vor allem Ängste wunderbar überzeugend und realistisch an den Leser weiterzugeben. Holm Schneider ignoriert politische Korrektheiten und lässt Johanna einfach Kind sein. Johanna darf Angst haben, sie darf weglaufen, sie darf Fragen stellen und sie darf hinschauen. Es gibt in der gesamten Geschichte keine Formulierung, keine Antwort auf Johannas Fragen, die in die Richtung "Kind, so etwas fragt/sagt man nicht" geht. Einer Formulierung, auf die wir Erwachsene gerne zurückgreifen, wenn wir mit der kindlichen Neugier überfordert sind und keine Antworten (mehr) wissen. Dieser einfache und vor allem realistische Erzählstil macht die Geschichte zudem zugänglich für Kinder ab bereits sechs Jahren. Junge LeserInnen werden mit diesem Werk keine abenteuerliche, kurzweilige Geschichte in den Händen halten, sondern den Erfahrungsbericht einer (fast) Gleichaltrigen, die zögerlich Bekanntschaft mit einem behinderten Menschen macht.
Auch für uns Eltern ist das Buch interessant und lehrreich. Denn wir können dank ihr einmal durch die Augen eines Kindes sehen, erfahren wie es auf Menschen mit Behinderung reagiert und welche einfachen, essentiellen Fragen es bewegen. Und wir lernen, dass Kinder mitunter viel einfacher damit umgehen können, als wir Erwachsene.
Doch egal wie leicht verständlich und einfühlsam Holm Schneider die Geschichte von Johanna und Holger erzählt, man sollte als Eltern seinem Kind das Buch nicht einfach in die Hand drücken und es damit selbst überlassen. Am besten nimmt man sich die Zeit gemeinsam die Geschichte zu lesen und das Kind dabei zu begleiten. Trotz der klaren Sprache werden sicherlich weitere Fragen aufkommen, die sich das Kind vielleicht nur unmittelbar während des gemeinsamen Lesens zu stellen traut.

"Neue Nester für die Schwalben" ist ein einfühlsames und ergreifendes Kinderbuch, das ein schwieriges Thema anspricht: die Behinderung eines Menschen. In diesem Fall eines Menschen, der durch eine schwere Schädel-Hirnverletzung alles noch einmal neu lernen muss: essen, gehen, sprechen - selbstständig sein. Holm Schneider nimmt seine jungen LeserInnen bei der Hand und führt sie anschaulich an ein sensibles Thema heran.

Details

  • Autor/-in:
  • Verlag:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    02/2014
  • Umfang:
    48 Seiten
  • Typ:
    Hardcover
  • Altersempfehlung:
    6 Jahre
  • ISBN 13:
    9783981421088
  • Preis:
    9,9 €

Bewertung

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