Hannas Kuscheldecke

von Arthur Miller, Al Parker (Illustration)
Rezension von Janett Cernohuby | 02. Juni 2017

Hannas Kuscheldecke

Unter all den tollen Kinderbüchern die jedes Jahr erscheinen, finden sich auch immer wieder großartige Klassiker früherer Kinderbuchautoren. So erfreute sich in diesem Jahr ein Bilderbuch einer Neuauflage, das erstmalig in den 1960igern erschienen ist: "Janes blanket", zu Deutsch "Hannas Kuscheldecke".

Eine rosa Kuscheldecke

Schon als Baby besaß Hanna eine kleine rosafarbene Kuscheldecke. Dieser warme, weiche Stoff gab ihr Sicherheit und Geborgenheit, ließ sie sanft ins Land der Träume gleiten und ebenso sanft wieder aufwachen. Doch je größer Hanna wurde, desto abgenutzter und zerschlissener wurde auch die Kuscheldecke. Irgendwann verschwand sie aus Hannas Blickfeld und wanderte zu den Putzlappen ihrer Mutter. Dort liegt die Decke, oder was von ihr übrig ist, noch immer. Doch eines Abends erinnert sich Hanna wieder an ihre Kuscheldecke und fordert sie zurück. Sie muss allerdings feststellen, dass die Decke zu klein für sie geworden ist, dass sie selbst nun ein großes Mädchen ist. Noch kann sie sich aber nicht ganz von dieser Erinnerung an das Kleinkindalter lösen. Erst als ein Vogelpärchen auf der Suche nach Nistmaterial beginnt Fäden aus der Decke zu ziehen, gelingt es Hanna, sich von der Geborgenheit der Kleinkindzeit zu lösen. Denn nun dient die Decke den kleinen Vogelküken als wärmendes Nest.

Vom langsamen kindlichen Abschied

"Hannas Kuscheldecke" ist das einzige Kinderbuch des Dramatikers Arthur Miller. Trotz seines Alters erzählt es eine zeitlose Geschichte, nicht nur in Bezug auf deren Inhalt, sondern auch auf die verwendete Sprache. Feinfühlig und intelligent berichtet es vom Loslassen kleinkindlicher Motive und  der Weiterentwicklung zum Kind. Die Kuscheldecke ist ein Symbol dieser Kleinkinderzeit. Sie spendete Wärme, Geborgenheit und Sicherheit. Sie war für das Baby Hanna ein Anker, um sich zu trösten und sich zu spüren. Doch diese Hilfestellung braucht sie nun nicht mehr. Sie wurde zum Kindergartenkind und ist nun ein Schulkind, das alleine von Zuhause zur Schule gehen kann und kleine Besorgungen im Kaufladen ums Eck erledigt. Hanna ist weitergegangen, erinnert sich aber manchmal vage an die Zeit zurück, in der sie noch kleiner und hilfsbedürftiger war. Und in diesen Momenten kommt auch die Erinnerung an die Kuscheldecke zurück, die Sehnsucht und der Wunsch, sie noch einmal zu halten, sich in ihr einzuwickeln und Geborgenheit zu spüren. Doch dafür ist die Decke zu klein und zu kaputt. Der endgültige Abschied gelingt erst, als Hanna sieht, dass nun jemand anderes ihre Kuscheldecke braucht. Darüber ist sie erleichtert, kann loslassen und endlich nach vorne gehen. Die Erinnerung aber wird bleiben - als etwas Schönes, als ein Teil des eigenen Lebens.
Die klare und direkte Sprache sowie die kurzen Sätze transportieren die Symbolik dieser Geschichte sehr deutlich. Kinder spüren sie, tauchen in sie ein und erkennen sich ein Stück weit darin wieder. Hatten sie vielleicht auch solch eine Decke, die immer und überall mit dabei war? Ohne die sie nicht schlafen konnten, aber die mittlerweile zu klein für sie geworden ist? Mit diesem Kernelement erreicht Arthur Miller seine jungen Leser noch heute, berührt sie und lässt sie in Hannas Leben eintauchen.
Begleitet wird dieser gefühlvolle Text von nicht minder gefühlvollen Zeichnungen. Die schwarz-weißen Illustrationen zeigen Momentaufnahmen von Hanna; wie sie von ihrer Mutter gefüttert wird, wie sie in ihrem Bettchen liegt oder mit dem Ball spielt. Mit einfachen Linien wird ihr Leben skizziert, manchmal sehr ausdrucksstark, dann wieder nur durch schemenhafte Konturen. Was aber immer ganz deutlich aus diesen schwarz-weißen Bildern hervorsticht, ist die rosa kolorierte Kuscheldecke. Sie wird zum zentralen Teil des Bildes. Ihr Verschwinden bemerkt der Betrachter ebenso wenig wie Hanna. Erst als sie zu einem späteren Zeitpunkt wieder hervorgeholt wird - als kleiner, roter Fetzen - rückt sie plötzlich wieder in den Mittelpunkt. Doch man sieht ihren Abnutzungsgrad deutlich, spürt dass das kuschlige Gefühl vom Anfang des Buches sich Faden für Faden auflöst - um sich dann als Teil des Vogelnestes wiederzufinden.

"Hannas Kuscheldecke" ist ein kraftvolles, bittersüßes und unglaublich gefühlvolles Bilderbuch für Kinder ab vier Jahren. Es erzählt feinfühlig und mit viel Symbolgehalt die Geschichten vom Heranwachsen eines Babys zum Schulkind. Die ausdrucksstarken Illustrationen tragen ihren Teil zu der gefühlvollen Geschichte bei und lassen sie für Eltern und Kinder zu einem wunderbaren (Vor-)Lesemoment werden.

Details

Bewertung

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