Fast wie Freunde

von Mirjam Zels
Rezension von Janett Cernohuby | 28. Februar 2017

Fast wie Freunde

Wegsehen und Probleme zu ignorieren ist oftmals leichter, als hinsehen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Denn die Aufarbeitung von Problemen ist nicht nur zeitintensiv, sie erfordert auch Mut und Energie. Warum sie sich dennoch lohnt? Weil man dafür ein Stück Lebensqualität zurückbekommt. Wenn Kinder betroffen sind, brauchen sie natürlich noch mehr Zuspruch und Unterstützung. Mirjam Zels Bilderbuch "Fast wie Freunde" greift ein ähnliches Thema auf und erzählt es einfühlsam und behutsam für Kinder.

In einer kleinen Stadt lebt das Mädchen Sophie. Hier ist alles ganz gewöhnlich. Die Leute leben in hübschen Häusern und wenn sie sich auf der Straße begegnen, grüßen sie einander. Die Kinder spielen miteinander, klettern auf Bäume, baden im See oder fahren mit dem Rad. Doch Sophie fällt das alles sehr schwer. Das Lachen, das Unbekümmertsein, das ausgelassene Herumtollen - nichts davon scheint ihr Freude zu bereiten. Keiner versteht, warum das so ist. Ihre Eltern sind ratlos und ebenso die Ärzte. Sie spüren, da ist etwas, doch sie schauen lieber nicht so genau. Bis Sophie es eines Tages tut. Ihr wird bewusst, dass es Angst ist, die sie so lähmt. Die ihr die Freude an allem raubt und die sie in allem einschränkt. Sophie beschließt, dass es so nicht weitergehen kann. Sie befreit sich von dem kleinen Monster, dass ihr im Nacken sitzt. Bald schon merkt sie, dass die Angst auch ein hilfreicher und schützender Begleiter sein kann. Von Zeit zu Zeit besucht diese Sophie noch und dann sind beide fast wie Freunde.

"Fast wie Freunde" ist ein unglaublich kraftvolles und gleichzeitig feinfühliges Bilderbuch. Mit wenigen, dafür aber sehr klaren und deutlichen Worten erzählt es die Geschichte der kleinen Sophie, die unter schrecklicher Angst leidet. Angst wovor? Vor allem. Doch Sophie bekommt keine Hilfe. Alle Erwachsenen haben ihr Päckchen zu tragen und wollen sich nicht auch noch das von Sophie aufladen. Und so schauen sie alle weg.
Doch Sophie schaut nicht weg. Im Gegenteil. Trotz ihrer Angst bringt sie den Mut auf, sich dieser zu stellen. Sie akzeptiert ihre Angst. Sie trägt sie nicht länger mit sich herum, sondern nimmt sie bei der Hand und führt sie als Begleiter neben sich her. So gelingt es ihr, die Angst nicht nur in bestimmten Situationen links liegen zu lassen, sondern sie sogar ganz zu vergessen. Trotzdem ist sie immer noch da und kommt von Zeit zu Zeit zurück. Als warnender Beschützer, so wie es sein soll. Damit schickt sie an die Menschen in ihrer Umgebung ein ganz klares Zeichen: Stellt euch euren Problemen und ignoriert sie nicht. Denn letzteres wird euch nicht weiterbringen.
Genau das ist auch die Botschaft, die Mirjam Zels ihren jungen Lesern mit auf den Weg gibt. Habt Mut und stellt euch euren Ängsten. Schaut nicht weg, denn dadurch werden sie nicht kleiner. Im Gegenteil. Das gelingt ihr mit klaren Worten und einer großartigen Bildersprache. Aus den Illustrationen kann man unglaublich viel herauslesen. Zunächst die Farbgebung, die darauf hindeutet, dass in der kleinen Stadt nicht wirklich alles schön ist, wie beschrieben wird. Die Menschen gehen mit eingezogenen Schultern, gesenktem und scheuen Blick durch die Straßen. Auf ihrem Rücken kann man überall Andeutungen von kleinen Begleitern erkennen. Manchmal offensichtlich, manchmal versteckt unter Jacken. Sophie jedoch bekam einen sehr großen Begleiter gezeichnet. Sie geht gebückt und gebeugt unter dessen Last. Damit wird Kindern die Schwere der Angst deutlich visualisiert. Sie können viel besser verstehen, warum diese Angst so erdrückend ist. Auch das Thema Wegschauen wird in den Illustrationen ganz deutlich. Die Augen der Menschen sind unstet und schauen vor allem immer in eine ganz andere Richtung - weg von dem, worauf sie sich konzentrieren sollten. Das ändert sich im Verlauf der Handlung. Plötzlich gibt es immer mehr Menschen, die ihre Schultern straffen und ihren Blick auf das Wesentliche lenken. Mit Sophie wandeln sich auch die Menschen in der Stadt. Nicht alle, aber sehr viele. Plötzlich werden die Blicke freundlicher und fröhlicher. Eine positive Energie, die auch auf die Betrachter des Buches übergeht.

"Fast wie Freunde" ist ein wunderschönes Bilderbuch, das ein ganz wichtiges Thema aufgreift: Hinsehen und sich seinen Problemen stellen. Konkret geht es um das Thema Angst. Angst ist etwas wichtiges, das uns vor Gefahr warnt. Doch Angst kann uns auch erdrücken und das Leben erschweren. Mirjam Zels sendet hier eine klare Botschaft an Kinder und Eltern und veröffentlichte ein tolles Bilderbuch.

Details

  • Autor/-in:
  • Genre:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    01/2017
  • Umfang:
    44 Seiten
  • Typ:
    Hardcover
  • Altersempfehlung:
    3 Jahre
  • ISBN 13:
    9783942795517
  • Preis:
    22,00 €

Bewertung

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