Einen Tag ganz brav

von Indrek Koff, Ulla Saar (Illustration)
Rezension von Janett Cernohuby | 23. Februar 2018

Einen Tag ganz brav

Einmal ein braves Kind haben, das wünschen sich sicherlich viele Eltern. Vor allem dann, wenn sie abends müde von der Arbeit nach Hause kommen und ein wenig zur Ruhe kommen wollen. Doch noch ist der Tag für sie nicht vorbei, denn nun heißt es, die liebe Rasselbande bändigen. Zwei Kinder haben den Wunsch ihrer Eltern aufgegriffen und beschlossenen "Einen Tag ganz brav" zu sein.

Zwei brave Kinder

Die Geschwister Lena und Oskar freuen sich, denn heute kommt Oma, um auf sie aufzupassen, während Mama arbeiten geht. An diesem besonderen Tag nehmen sich beide vor, einmal ganz brav zu sein. Sie wollen ihrer Mama eine große Freude machen und räumen ihr Kinderzimmer auf, waschen ihre schmutzige Kleidung, putzen die Schuhe, spülen das Geschirr und backen Mama sogar eine Torte. Doch als die am Abend nach Hause kommt, erlebt sie eine große Überraschung…

Eine Geschichte von zwei Seiten betrachtet

Denn wie brav die Kinder wirklich waren, wird im zweiten Teil des Buchs gezeigt. Nichts ist mehr mit ordentlich aufgeräumten Zimmern, sauberer Kleidung und abgespültem Geschirr. Überall in der Wohnung schaut es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.
Indrek Koff und Ulla Saar erzählen ihre Geschichte auf zweierlei Arten. Zunächst erleben wir alles aus der Sicht der Kinder, in der zweiten Hälfte des Buchs dann aus Sicht der Eltern. Diese beiden Sichtweisen sind sehr unterschiedlich und widersprechen sich komplett. Warum? Nun, die Kinder wollten ihrer Mama eine Freude bereiten. Sie wollten einen Tag ganz brav sein und all das tun, wovon die Erwachsenen immer reden. Sie wollten ihr Zimmer ordentlich aufräumen und den Tisch abräumen. Sie wollten schmutziges Gewand reinigen und Mama eine Freude mit einer selbstgebackenen Torte machen. Sie wollten einfach alles richtig machen.
Doch wir Großen verstehen dieses richtig machen oftmals ganz anders. Gerade wenn es um Ordnung und Sauberkeit geht, haben wir doch ein anderes Verständnis der Dinge. Genau darum geht es im Buch. Es zeigt, wie unterschiedlich Eltern und Kinder die Welt sehen. Es spricht davon, dass für die einen etwas gut und richtig ist, während die anderen es nicht so empfinden. Und so fragt man sich, wie sehen brave Kinder denn nun aus? So wie die beiden Geschwister in der Geschichte, die alles richtig machen wollten? Oder anders? Das Buch regt zum Nachdenken an und lädt zum gegenseitigen Verständnis ein.
Dabei wird die Geschichte zum größten Teil über die Bilder transportiert. Die Texte sind nicht nur kurz, sie sind auch stakkatoartig in wörtlicher Rede geschrieben. Dabei sind es die Geschwister, später die Mutter die Kommentare zu den jeweiligen Bildern abgeben. Aber einen erzählenden Text, der das Szenario beschreibt und aus allem eine runde Erzählung macht, gibt es hier nicht. Daher ist das Buch kein Vorlesebuch, das unterhält, sondern ein Bilderbuch, dessen Inhalt man aus den Bildern herauslesen muss und den man sich gemeinsam erarbeiten muss. Interessant bei den Illustrationen ist vor allem die Großmutter, die immer nur mit Outlines dargestellt wird. Fast so, als bekomme sie von dem ganzen Tun der Kinder nichts mit. Als schaue sie nicht hin und ließe die beiden gewähren. Ebenso verändern sich die Illustrationen noch einmal, als die Mutter nach der Arbeit heimkommt. Hier kippen die kolorierten Bilder in einfarbig gehaltene Szenen. Sie machen das Chaos, das die Kinder in Wirklichkeit hinterlassen haben, sehr deutlich. Gleichzeitig trennen sie auch die beiden Sichtweisen der Erzählenden voneinander, so dass man klar erkennt, aus wessen Sicht die Handlung nun erzählt wird.

"Einen Tag ganz brav" von Indre Koff und Ulla Saar ist ein originelles und besonderes Bilderbuch. Es erzählt nicht einfach nur eine Handlung, sondern will sie von den Betrachtern erzählt haben. In Estland, der Heimat des Autorenduos, wurde ihr Werk mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Ob es auch hierzulande auf eine große Leserschaft trifft, muss sich zeigen. Denn es ist kein Bilderbuch, das man gemütlich vorliest. Bei dem man sich zusammenkuschelt und sich von der Geschichte davontragen lässt. Vielmehr ist es ein Buch, das zum gemeinsamen Lesen, Entdecken und Verstehen einlädt. Ein spezielles Bilderbuch, das vermutlich nicht jeden Leser anspricht und überzeugt.

Details

Bewertung

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