Die Schneiderin des Nebels

von Agnès de Lestrade, Valeria Docampo (Illustration)
Rezension von Janett Cernohuby | 03. Dezember 2018

Die Schneiderin des Nebels

Manchmal gibt es traurige Erinnerungen, bedrückende Dinge, die man nicht mehr sehen möchte. Die man unter einem Tuch verbergen möchte, damit sie einem nicht mehr das Herz schwer machen. Solche Tücher, solche Stoffe bietet „Die Schneiderin des Nebels“, von der uns Agnès de Lestrade und Valerie Docampo in ihrem feinfühligen Bilderbuch erzählen.

Der Nebel versperrt die Sicht aufs Wesentliche

Rosas einzigartige Stoffe sind heiß begehrt, denn Rosa hat ein besonderes Talent. Sie vermag es, den Nebel einzufangen und seine langen Fäden zu Stoffe zu verweben. Stoffe, aus denen Kleidungsstücke oder Vorhänge werden, hinter denen man seinen Kummer, seine Sorgen und seinen Seelenschmerz verbergen kann. Natürlich muss dieser Stoff auch immer wieder ersetzt werden, da der Nebel sich gerne verflüchtigt. Und so ist Rosas Land von einer dichten Nebelschicht bedeckt.
Bis zu jenem Tag, als ein Brief durch den Nebel zu ihr gelangt. Ein Brief von ihrem Vater, der Erinnerungen wachruft, aber auch Sonnenstrahlen durch den Nebel dringen lässt.

Die Schneiderin des Nebels

Gefühlvolle Geschichte

Agnès de Lestrade erzählt in diesem Bilderbuch eine wunderbare und vor allem sehr gefühlvolle Geschichte. Sie spricht vom Kummer, von Sorgen, die uns alle bedrücken, die wir alle gerne hinter uns lassen, verdrängen würden. Mancher tut es. Mancher lässt diesen Kummer einfach nur liegen, versteckt ihn hinter einem Schleier. So wie Rosa, die ihre traurigen Erinnerungen hinter einem Schleier aus Nebel versteckt. Doch ein Schleier und auch der Nebel können Dinge zwar verbergen, aber nicht für immer. Stets dringen sie wieder hervor, kehren zu uns zurück. Und so weben wir erneut einen Stoff, um zu verdrängen und einzusperren, was uns traurig macht.
Genauso wie das Mädchen Rosa in dieser zauberhaften Geschichte.
Auch sie trägt großen Kummer mit sich herum, hat aber gelernt, diesen aus ihrem Leben auszuschließen. Sie will diesen Kummer nicht zulassen, aus Angst. Angst vor Veränderungen, Angst vor etwas Neuem. Angst, Altes, Gutes zu vergessen.
Doch diese Angst ist unberechtigt, denn Veränderungen können uns Kraft geben und Neues bewirken. Und so gelingt es Rosa, am Ende nicht mehr aus Nebel Stoffe zu weben, sondern aus den wärmenden Strahlen der Sonne.

Die Schneiderin des Nebels

So wunderbar feinfühlig wie Agnès de Lestrade ihre Geschichte erzählt, so unglaublich zart wurde sie von Vaerlia Docampo illustriert. Ihre Bilder hüllen den Betrachter ebenfalls in einen Schleier aus Nebel, dessen Kühle man fast spüren kann. Um die Bedeutung des einhüllenden Nebels zu betonen und zu unterstreichen, wurden immer wieder halbtransparente Seiten eingefügt. Sie wurden ebenfalls beschriftet und mit Illustrationen versehen. Doch ihr durchscheinendes Wesen geben uns eine Ahnung von dem, was sich hinter ihnen verbirgt. Wie durch einen Nebelschleier hindurch kann man einen Eindruck der nächsten Szenerie sehen, kann erahnen, was sich dahinter verbirgt, doch ein klares Bild bekommt man erst dann, wenn man den Schleier lüftet, den Nebel verziehen lässt. Mit diesem stilistischen Mittel wird die Bedeutung der Geschichte auf ganz besondere Art betont und hervorgehoben. Die beiden Künstlerinnen hätten ihre Botschaft, ihre Geschichte kaum besser an den Leser vermitteln können.

„Die Schneiderin des Nebels“ ist ein unglaublich feinfühliges aber auch kraftspendendes Bilderbuch von Agnès de Lestrade und Valeria Docampo. Sie erzählen eine Geschichte über Kummer, Sorgen und Ängste und zeigen gleichzeitig, dass in Veränderungen große Kraft stecken kann. Sie machen mit ihrer Geschichte Mut, den Nebel zu lichten und die Sonnenstrahlen wieder in das Leben einziehen zu lassen.

Details

Bewertung

  • Gesamt:
  • Spannung:
  • Anspruch:
  • Gefühl:
  • Illustration: