Das Gute daran

von Anne Rickert, Sabine Heine (Illustration)
Rezension von Janett Cernohuby | 01. Juli 2016

Das Gute daran

Wenn ein Paar beschließen sich scheiden zu lassen, haben Kinder hierauf keinen Einfluss. Sie sind hierbei Außenstehende, müssen jedoch mit den Folgen dieser Entscheidung leben. Es können existenzielle Ängste und Schuldgefühle in ihnen ausgelöst werden. Darum ist es wichtig, sie während des Scheidungsprozess nicht sich selbst zu überlassen. Das Bilderbuch "Das Gute daran" zeigt mit Humor und Einfühlungsvermögen, wie es für ein Kind sein kann, wenn die Eltern getrennt leben.

Die Geschichte erzählt von einem kleinen Jungen, vielleicht vier oder fünf Jahre alt, dessen Eltern geschieden sind. Er selbst kann sich gar nicht mehr daran erinnern wie es war, als sie drei noch als Familie zusammenlebten. Aber er weiß, wie es jetzt ist, wo Mama und Papa getrennte Wege gehen. Denn das hat auch etwas Gutes. Er hat jetzt zwei Kinderzimmer und lebt in zwei Welten. In beiden ist er fest verwurzelt. Mama holt ihn früh vom Kindergarten ab, Papa spät. Bei Mama gibt es zum Abendessen Grießbrei mit Kirschkompott, bei Papa wird gegrillt. Mit Mama fährt er in die Berge zum Wandern, mit Papa sitzt er am Meer im Strandkorb. Bei Mama wird gekuschelt, bei Papa spielt er mit den Legosteinen. Doch manchmal vermisst er das andere Elternteil. Dann trösten ihn Mama oder Papa und versuchen ihn auf andere Gedanken zu bringen. So lebt er in zwei unterschiedlichen Welten, die jedoch nicht Zerrissenheit bedeuten.

Es ist traurig, wenn eine Beziehung gescheitert ist, eine Ehe geschieden wird. Doch seien wir ehrlich, mittlerweile trifft das fast auf jede dritte zu. Dennoch sollte man bei einer Trennung nicht das Kind vergessen. Denn dieses leidet am meisten darunter, versteht es doch nicht, warum Mama und Papa, die es selbst am meisten liebt, plötzlich nicht mehr miteinander reden - ja zusammenleben wollen. Für das Kind bricht eine Welt zusammen. Nun ist es für die Eltern wichtig, das Kind zu begleiten, besonders in den ersten zwei Jahren nach der Trennung. Denn wissenschaftliche Untersuchungen haben bewiesen, dass dies die schwerste Zeit für Kinder ist. Unterstützen Eltern ihre Kinder diese Situation positiv zu verarbeiten, können Kinder lernen, damit umzugehen und vielleicht auch etwas Gutes darin sehen.
So wie der kleine Junge aus dem Bilderbuch. Seine Eltern sind geschieden, doch für ihn ist das in Ordnung. Er lebt in zwei Welten, die gleichermaßen spannend und aufregend sind. Vater und Mutter haben unterschiedliche Lebensweisen und er profitiert von beiden. Autorin Anne Rickert erzählt sehr einfühlsam aus dem Leben des Scheidungskinds. Dabei verwendet sie eine klare, direkte Sprache, in der auch manchmal humorvolle Aspekte durchklingen. Dadurch wird die Geschichte überraschend positiv, bewahrt sich aber trotzdem eine gewisse Ernsthaftigkeit.
Illustriert wurde das Buch von Sabine Heine. So wie die Autorin direkte Worte verwendet, ist Sabine Heines Zeichenstil von klaren Linien geprägt. Die Bilder sind großflächig und zeigen Szenen aus dem kindlichen Alltag. Doch sie sind nicht überladen, sondern nur mit wenigen Details ausgefüllt. Das regt zum Nachdenken an und bringt Kinder dazu, Gespräche zu beginnen.
Die Geschichte wirft zweifellos viele Fragen auf, doch zusammen mit Mutter oder Vater betrachtet, können sie leicht beantwortet werden. Das Buch ist ein Begleiter für Familien, die sich vielleicht selbst gerade an einem Scheideweg befinden. Sie können mit dem Buch ihrem Kind zeigen, dass es große Veränderungen geben wird, dass diese aber nicht schlecht sein müssen. Freilich ist es ein idealisiertes Bild, das hier gezeigt wird, und nicht immer gehen geschiedene Paare respektvoll miteinander um. Auch die Eltern aus dieser Geschichte haben sich letztendlich nichts mehr zu sagen, was in der letzten Szene deutlich wird. Das sehen aber nur Erwachsene, denn mit kindlichen Augen betrachtet, schauen beide stolz auf ihr Kind hinab.

"Das Gute daran" ist ein einfühlsames Bilderbuch, das mit etwas Humor ein sehr trauriges und ernstes Thema anspricht: Scheidung. Es zeigt, dass trotz einer Trennung der Eltern Kinder Geborgenheit erfahren können und ihnen das Leben in zwei Welten keine Schwierigkeiten bereiten muss. Vielmehr bietet es ihnen eher die Möglichkeit, unterschiedliche Lebensweisen kennenzulernen. Es ist ein tolles Buch, das auf gefühlvolle Weise Kindern in ähnlichen Situationen Mut macht und Kraft gibt.

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