Bucheckern, Bernstein, Brausepulver


Die Kindheit von Günter Grass
von Elżbieta Pałasz, Joanna Czaplewska (Illustration)
Rezension von Manfred Weiss | 08. Oktober 2018

Bucheckern, Bernstein, Brausepulver

Ein Literaturnobelpreisträger als Junge von 7 bis 12 Jahren. Eine Kindheit, überschattet von der Ahnung, dem Wissen, was sein wird. Das Ganze ist allerdings nicht als biografische Aufarbeitung entstanden, sondern als Jugendbuch, mit Alltagsgeschichten und reicher Illustration. Es beginnt in Danzig, im Jahre 1934.

In “Bucheckern, Bernstein, Brausepulver”, einem zugegeben sperrigen Titel für ein Buch, erfahren die Leserin und der Leser in drei Kapiteln mehr über die Kindheit von Günter Grass in Danzig. Drei Episoden aus den Jahren 1934, 1938 und 1939 erzählen von den Jugendjahren des späteren Nobelpreisträgers, der 1927 geboren wurde. Die Geschichten sind unaufgeregt, durchsetzt vom historischen Hintergrund der Jahre und der besonderen Situation in Polen. Kurze Ausschnitte des Alltagslebens aus der Perspektive eines heranwachsenden Jungen, abenteuerlich und prägend.

Ein Junge mit einem schelmischen Lächeln

Es sind knappe Geschichten, die Elżbieta Pałasz  erzählt. Ausgerichtet auf eine augenscheinlich jüngere Leserschaft, aber dann doch wieder durchsetzt mit Andeutungen von Figuren aus den späteren Büchern von Günter Grass. Am auffälligsten natürlich der immer wieder auftauchende kleine Junge mit einer Blechtrommel. Ein Oskar Matzerath im Urbild, die Vorlage, lange vor dem Original. Wie viel gerade jüngere Leser mit solchen Verweisen anfangen können, sei dahingestellt. Die Idee scheint da eher zu sein, vorwärtsblickend die Schienen zum Werk von Günter Grass zu legen, auch wenn die eine oder andere Person oder Situation natürlich auch nach dem Leser von Günter Grass schielt, der in den Geschichten einiges Vertrautes wiedererkennen wird.

Auffallend und sehr gelungen ist die ausführliche Bebilderung des Buches. Schon am Titelbild sieht man den schelmisch blickenden Jungen Günter Grass seinem Pfeife rauchenden schnurrbärtigen und bebrillten älteren Selbst folgen. Es sind sehr gelungene und in ihrer Einfachheit kunstvolle Bilder, die in dem großformatigen Buch schön und tragend zur Geltung kommen.

Bucheckern, Bernstein, Brausepulver

Ein älterer Mann mit Pfeife und Schnurrbart

Am Ende des kurzen Bandes sehen wir den Autor dann beim Schreibtisch sitzen, die Finger über der Tastatur seiner Schreibmaschine, ein Werk im Entstehen, ein paar Worte, klein doch lesbar, aus “Die Blechtrommel”, gerade geschrieben. Ein Jungenleben und doch schon Literaturgeschichte im Vorausblick.

Geht man vom Grass-Bezug ein wenig weg und betrachtet das Buch aus dem Blickwinkel eines jungen Lesers, dem Nobelpreise und bedeutsame Literatur noch herzlich egal, wenn nicht überhaupt unbekannt sind, wird die Einschätzung des Buches schon schwieriger. Die Geschichten sind eher beliebig und unzusammenhängend. Die historischen Bezüge werden für den jugendlichen Leser schwer zu fassen sein. Die Geschichte vom Wunsch nach einem Hund und dass der dann mal verschwunden ist, noch am ehesten. Lehrreich und zu Toleranz mahnend die Geschichte vom Trompeter, der im Zuge der Machtergreifung der Nazis von allen ausgegrenzt wird, traurig und bekümmernd das Schicksal von Onkel Franz und überhaupt der Untergang einer funktionierenden, bunt gemischten Gesellschaft im Polen der dreißiger Jahre.

Bucheckern, Bernstein, Brausepulver

“Bucheckern, Bernstein, Brausepulver” ist ein Buch für …; ja, für wen? Für den begeisterten Grass-Leser? Für Kinder und junge Jugendliche? Irgendwie für beide und irgendwie für beide nicht. Für den Grass-Fan ist es zu wenig Grass, abgesehen von einigen wirklich schönen Illustrationen, für den jugendlichen Leser viel literarischer Bezug, doch wenig aufregende Lektüre. Trotzdem ist das Werk sicher ein reizvolles, wenn auch ungewöhnliches Buch für beide Gruppen und den Versuch der Auseinandersetzung damit allemal wert.

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