Irgendwo ist immer Süden

Antolin Quiz
von Marianne Kaurin
Rezension von Janett Cernohuby | 13. März 2020

Irgendwo ist immer Süden

„Viele Planeten haben einen Norden.“, sagte der neunte Doctor einst zu seiner Begleiterin. Und so wie viele Planeten einen Norden haben, ist irgendwo auch immer Süden. Zumindest wenn man den elfjährigen Vilmer fragt, der gerade erst neu ins Viertel gezogen ist und versucht, mit seiner Nachbarin und Klassenkameradin Ina Freundschaft zu schließen. Was es mit diesem Süden auf sich hat, davon erzählt Marianne Kaurin in ihrem berührenden Buch „Irgendwo ist immer Süden“.

Eine Lüge, der Neue und ungewöhnliche Sommerferien

Es ist der letzte Tag vor den Sommerferien und in der Klasse schwärmen alle davon, wohin sie verreisen werden. Nur Ina hat nichts zu erzählen, denn sie bleibt zu Hause. Wie gerne würde auch sie Urlaubspläne schmieden, doch die Familienkasse lässt das nicht zu. Und plötzlich hört sich Ina sagen, dass sie in den Süden fahren wird. In ein Wellnesshotel mit Strandzugang. Für mehrere Wochen. Um ihre Lüge aufrecht zu erhalten, bleibt sie in den ersten Ferientagen von morgens bis abends in ihrem Zimmer. Doch dann bekommt Vilmer, der Neue aus der Klasse, mit, dass sie zuhause ist. Ina gesteht ihre Lüge, doch anstatt Vorwürfen macht er ihr einen verrückten Vorschlag. Sie bauen den Süden einfach nach. In der alten Hausmeisterwohnung, die schon lange von niemandem mehr genutzt wird…

Wenn die Scham zum Lügen führt

Marianne Kaurin spricht in ihrem Buch ein ganz aktuelles und auch trauriges Thema an. Sie stellt uns ein junges Mädchen vor, das aus einem sozialschwachen Umfeld kommt. Sie wohnt in einer heruntergekommenen Wohnanlage, das Geld ist knapp und reicht gerade mal für das Nötigste. Die Mutter besucht einen Kurs, ist aber aufgrund der Lebensumstände selbst deprimiert und niedergeschlagen. Zu dem Zeitpunkt, an dem wir Ina kennenlernen, scheinen sie und ihre Mutter nebeneinander her zu leben. Ina sucht Anschluss in ihrer Klasse, möchte so gerne bei den coolen Mädchen dabei sein. Doch sie schämt sich ihrer eigenen Herkunft, ihrer Armut. Darum erfindet sie immer wieder Lügen, um besser dazustehen. Freilich spüren ihre Klassenkameraden, dass da etwas nicht stimmt. Auch der Neue, Vilmer, nimmt ihr die Lüge vom Urlaub im Süden nicht ab. Er wohnt in der gleichen Wohnanlage wie Ina und hat einen ähnlichen sozialen Hintergrund. Vilmer weiß, warum Ina lügt, doch er macht ihr keine Vorwürfe. Er weiß, dass Ina ihren Fehler selbst einsehen, aus ihm lernen muss, so wie er es einst lernen musste. Doch er bietet ihr seine Freundschaft an und tatsächlich lässt sich Ina anfangs widerwillig, später aber mit Freude darauf ein. Ohne es zu merken, entwickelt sich zwischen den beiden Außenseitern eine dicke Freundschaft und auch erste zarte Bande beginnen sich zu knüpfen.
Natürlich fliegen die Lügen auf. Natürlich muss sich Ina der schmerzlichen Konfrontation mit ihren Klassenkameraden stellen.

Marianne Kaurin erzählt hier eine einfühlsame und atmosphärisch dichte Geschichte. Es ist eine Geschichte aus dem Alltag von Kindern und Jugendlichen. Vor allen jenen, die am Rande der Gesellschaft leben. Die sich dafür schämen, arm zu sein. Die versuchen, mit den anderen mitzuhalten und sich dem Gruppenzwang zu unterwerfen. Das geht natürlich nicht - weder im realen Leben, noch hier in der Geschichte. Doch Marianne Kaurin will hier keine Anklage schreiben, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger drohnen, sondern sie macht mit ihrer Geschichte Mut. Sie zeigt jungen Menschen, dass sie sich nicht zu schämen brauchen. Nicht für die Arbeitslosigkeit ihrer Eltern und auch nicht für die fehlenden finanziellen Mittel. Die Autorin zeigt, worauf es wirklich ankommt und was echte Freundschaft ausmacht. Dazu gehören nicht das Angeben mit dem tollsten Urlaub oder der Wettstreit um das beste Geburtstagsgeschenk, sondern der Zusammenhalt, die Treue und die Akzeptanz.

„Irgendwo ist immer Süden“ ist ein gefühlvoller Roman für junge Leserinnen und Leser ab elf Jahren. Er erzählt die Geschichte eines Mädchens, das sich für seine Armut schämt und das glaubt, durch Lügen dazugehören zu können. Junge Leserinnen und Leser können sich in Ina hineinversetzen, mit ihr fühlen und sich mit ihr identifizieren. Und wer weiß, vielleicht finden auch sie den Mut, sich über Zwänge und falsche Scham hinwegzusetzen.

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