Denn morgen sind wir tot

von Andreas Götz
Rezension von Janett Cernohuby | 10. September 2015

Denn morgen sind wir tot

"Carpe Diem" ist eine geflügelte Redewendung, die man mit "Nutze den Tag" übersetzen kann. Doch was genau ist darunter zu verstehen, den Tag zu nutzen? Heißt es, man soll seinen Verpflichtungen nachkommen, die kurze Lebenszeit sinnvoll ausschöpfen? Oder ist damit gemeint, das Leben in vollen Zügen zu genießen und nicht an morgen zu denken? Für manche Menschen bedeutet es letzteres. Sie leben in den Tag hinein, empfinden das alltägliche Leben als langweilig und suchen ständig nach dem Verbotenen. Nach dem Kick. Das greift auch der Autor Andreas Götz in seinem Jugendroman "Denn morgen sind wir tot" auf.

"Denn morgen sind wir tot" ist ein düsterer Jugendroman mit einer Protagonistin, die man nicht bemitleiden kann. Höchstens vielleicht für ihre Naivität und Sturheit. Dabei ist Siri nicht nur die Protagonistin, sondern sie erzählt die Geschehnisse auch aus eigener Sicht. Das tut sie aber nicht, um sich für das Geschehene zu Rechtfertigen oder unsere Absolution zu erhalten, sondern weil ihre Therapeutin es will. Ja, das klingt überheblich, arrogant und unreif, doch genauso ist die junge Siri auch, die uns im Buch begegnet. Ein Mädchen, verwöhnt und gelangweilt vom Leben, wenngleich ihre Kindheit sicherlich nicht immer perfekt war. Ihre Eltern bekamen sie sehr jung, waren selbst noch Teenager. Genau vor einem solchen Fehler wollen sie ihre Tochter natürlich bewahren und halten sie an der kurzen Leine. Dass sie mit ihrem Verhalten dabei jedoch das komplette Gegenteil bewirken, überrascht den Leser nicht unbedingt. Denn es ist der Reiz des Verbotenen, wonach sich Siri sehnt. Daher ist sie auch für den wesentlich älteren Adrian zugänglich und lässt sich von ihm manipulieren. Er bringt sie dazu, Grenzen zu überschreiten und Dinge zu tun, die weder ihre Eltern noch ihre beste Freundin gutheißen würden. Unter Adrians Einfluss begehrt Siri gegen die Zwänge unserer Gesellschaft auf. Sie zerstört mutwillig fremdes Eigentum, raucht, trinkt und lässt sich auch zum Drogenkonsum überreden. Sie stößt mehr als einmal ihre beste Freundin vor den Kopf und tut die Warnungen ihres Ex-Freundes als Stalking ab. Ihre Eltern scheinen von all dem nichts mitzubekommen, sind sie selbst mit ihren eigenen Problemen zu sehr beschäftigt. Die Mutter ist gelangweilt von ihrer Rolle in der Familie und hat sich einen Liebhaber gesucht. Der Vater leidet unter Depressionen und hat zwischen Haushalt und Arbeit keine anderen Beschäftigungen. So sehen sie auch nicht, wie ihre Tochter immer mehr auf die schiefe Bahn gerät, bis es letztendlich zu spät ist. Bis sie eine Tat begeht, die nie wieder gut gemacht werden kann und die man nicht verzeihen kann. Als Leser empfindet man kein Mitleid mit Siri, selbst nachdem man ihre Geschichte kennt. Wenngleich sie am Ende ihre Taten bereut, kann man es ihr nicht ganz abnehmen. Diese Reue ist zu wenig glaubwürdig und man sieht nach wie vor ein trotziges, unreifes Mädchen in ihr.
Der düstere Flair, der über der Protagonistin, über der Handlung schwebt, macht den Roman so fesselnd und spannend. Zwar wird sehr früh angedeutet, welche Katastrophe am Ende geschieht, dennoch liest man mit düsterer Neugier von Siris Entwicklung in diesem Sommer. Durch den Stil der Ich-Erzählung wird die Geschichte lebendig. Man hat das Gefühl, die Sechzehnjährige sitzt einem gegenüber und erzählt persönlich ihre Geschichte. Das liegt auch daran, dass der Leser zwischendurch immer wieder direkt angesprochen wird.

Zusammengefasst ist "Denn morgen sind wir tot" von Andreas Götz ein dunkler, packender Jugendroman über den fatalen Fehltritt eines sechzehnjährigen Mädchens. Das Buch erzählt, wie bedingungslose Liebe zum Verhängnis werden kann und wie leicht es ist, eine in uns schlummernde Bestie zu wecken.

Details

  • Autor/-in:
  • Verlag:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    08/2015
  • Umfang:
    368 Seiten
  • Typ:
    Taschenbuch
  • Altersempfehlung:
    16 Jahre
  • ISBN 13:
    9783789136177
  • Preis:
    14,99 €

Bewertung

  • Gesamt:
  • Spannung:
  • Anspruch:
  • Gewalt:
  • Gefühl:

Könnte Ihnen auch gefallen: