Ute Krause im Interview

Beitrag von Janett Cernohuby | 20. Januar 2017

Langweilig war die Kindheit von Kinder- und Jugendbuchautorin Ute Krause ganz gewiss nicht. In Berlin geboren und in vielen Ländern aufgewachsen, studierte sie später nicht nur an der Berliner Kunsthochschule, sondern auch in München. Mittlerweile hat Ute Krause mehrere Kinder- und Jugendbücher geschrieben und illustriert. Ihre Bücher wurden nicht nur in zahlreiche Sprachen übersetzt, sondern auch verfilmt.
In ihrem Jugendroman "Im Labyrinth der Lügen" lässt Ute Krause die DDR wieder lebendig werden und gibt jungen Lesern die Gelegenheit, einen Blick hinter die Mauer zu werfen, wo Freiheit nur der Name einer Tageszeitung war.


Janett Cernohuby
Ihr Buch "Im Labyrinth der Lügen" erzählt von dem zwölfjährigen Paul, dessen Eltern aus der DDR ausgereist sind und der nun ohne sie in Ostberlin weiterleben muss. Wie ist es zu diesem Roman gekommen?

ute krause c isabelle grubertUte Krause
Der Roman basiert auf einer wahren Begebenheit. Vor dreißig Jahren lernte ich eine Freundin, Andrea, kennen, die mir ihre Geschichte erzählte. Als sie elf war, planten ihre Eltern einen Fluchtversuch. Sie selbst wusste nichts davon und wurde erst auf dem Flughafen in alles eingeweiht. Das war für sie ein Schock. Sie wollte nicht weg von Zuhause, von ihrer Oma und von ihren Freunden. Sie hat ihre Eltern nicht verstanden. Zunächst flogen sie nach Budapest und als sie dort ankamen, bemerkten sie schon, dass ungewöhnlich viel Polizei präsent war. Andreas Vater wurde ziemlich schnell nach dem Transitvisum aus Westberlin gefragt. Das hatte er natürlich nicht. Die Familie wurde sofort in einen ungenutzten Teil des Flughafens gebracht, wo die Verhöre begannen. Man trennte den Vater von Mutter und Tochter. Auch am nächsten Tag gingen die Verhöre weiter. Andreas Vater wurde in Handschellen abtransportiert, sie und ihre Mutter wurden nach Berlin Schönefeld geflogen. Dort trennte man Andrea von ihrer Mutter und brachte sie ins Kinderheim. Sie machte eine harte Zeit durch. Ihr wurden alle Sachen abgenommen, sie bekam Heimkleidung, teilte sich mit neun anderen Kindern ein Zimmer. Im Heim ging es hart zu: Sie musste sehr früh aufstehen, bereits vor dem Frühstück Toiletten, Gänge und Räume putzen. Es folgte politische Umerziehung, zudem wurde Andrea dazu verdonnert, Flugzeuglämpchen in einer Fabrik zusammenzusetzen - obwohl Kinderarbeit in der DDR offiziell verboten war.
Andreas Geschichte habe ich fast 1:1 in das Buch übernommen und zu Pauls Geschichte gemacht. Mit kleinen Ausnahmen.

Janett Cernohuby
Gab es auch für Andrea - ähnlich für bei Paul - ein Happy End? Sah sie ihre Eltern wieder?

Ute Kraus
Ja, das gab es. Eines Tages bekam Andrea ihre Sachen zurück und wurde in einen weißen Bus gesetzt. Dieser war von außen als Fahrzeug einer Reinigungsfirma getarnt, die Fenster waren weiß überstrichen, so dass man nicht sah, wer drinnen saß. Gemeinsam mit anderen Kindern und Jugendlichen fuhr sie stundenlang quer durch die DDR, bis sie wieder in ein Heim gebracht wurde. Dort saß sie erneut lange in einem leeren Zimmer, hatte Angst. Dann geschah ein Wunder. Die Tür ging auf und ihre Tante kam herein. Ähnlich wie im Roman, hatte auch sie nach Andrea gesucht und über eine bekannte Erzieherin - die eine andere kannte, die wiederum jemanden kannte - Nachforschungen angestellt.
Andrea war froh, wieder Zuhause sein zu dürfen, wieder zur Schule gehen zu können, wenngleich die Stasi sie noch oft zur Befragung aus dem Unterricht holte. In der Stadt wurde getuschelt, jeder wusste vom missglückten Fluchtversuch. Ihre Eltern durfte sie allerdings nicht im Gefängnis besuchen - hierfür gab es eine Alterseinschränkung.
Mit 14 Jahren stellte sie auf Drängen ihrer Oma einen Ausreiseantrag. Der wurde genehmigt und sie kam nach Westberlin zu ihren Eltern.

Janett Cernohuby
Wenn Sie von Ausreiseantrag sprechen, klingt das so einfach. Aber das war es doch nicht?

Ute Krause
Nein, das war es nicht. Es war eine unsichere Angelegenheit, bei der viel schiefgehen konnte und bei der man viel riskierte: seinen Arbeitsplatz, seine gesellschaftliche Stellung, seine Zukunft.

Janett Cernohuby
In einer Zeit und in einem Europa, wo man mühelos in andere Länder reisen kann, klingt Pauls Geschichte so unwirklich. Fällt es jungen Menschen schwer, sich in diese Situation hineinzudenken?

Ute Krause
Bei Lesungen erkläre ich Kindern, dass sie in Fantasyromanen die irrsten Sachen erleben, dabei wissen sie gar nicht, dass diese auch hier bei uns, direkt vor der Haustür, im eigenen Land, passieren. Ich merke, dass die Geschichte Kinder unheimlich bewegt. Das finde ich toll. Sie gehen mit und wenn ich Andreas Geschichte erzähle, wird es selbst in den unruhigsten Klassen mucksmäuschenstill. Sie lauschen einem Schicksal, das gar nicht so weit weg passiert ist, sondern in ihrem eigenen Land. Kinder fragen auch immer wieder, ob Andrea ihre Eltern wiedergesehen hat und ob sie nicht sauer auf sie gewesen ist. In diese Richtung gehen dann unsere Gespräche.
Von Lehrern höre ich, dass Kinder auch nach der Lesung noch viele Fragen stellen, nach der Zeit und wie es damals war. Besonders hier in Berlin, wo alles ganz nah ist. Das ist für sie immer eine spannende und lebendige Erfahrung.

Janett Cernohuby
Fiel es Ihnen schwer, sich in die Zeit vor der Wende hineinzuversetzen?

Ute Krause
Meine Tanten und Onkels lebten in Ostberlin und wir waren oft zu Besuch. Ich hatte immer das Gefühl, eine Verbindung mit der anderen Seite zu haben.

Janett Cernohuby
Pauls Eltern sind - wie damals viele Menschen - mit dem Leben in der DDR nicht mehr zurechtgekommen und wollten das Land verlassen. Warum haben sie nicht einfach einen Ausreiseantrag gestellt, anstatt den gefährlichen Weg der Flucht zu gehen?

Ute Krause
Wenn man einen Ausreiseantrag stellte, war es nicht klar, ob dieser auch bewilligt wurde. Manchmal musste man jahrelang warten, bis das geschah. Man riskierte viel - natürlich auch für die Kinder. Außerdem hatte man mit sehr harten Konsequenzen zu rechnen: sozialer Abstieg, Jobverlust, keine Zukunftschancen.

Janett Cernohuby
Diese Konsequenzen werden auch im Buch immer wieder angedeutet. Nicht nur für die Flüchtenden selbst, wenn sie erwischt wurden, sondern auch für die Angehörigen. Mit welchen Sanktionen hatten zurückgebliebene Angehörige zu rechnen?

Ute Krause
Richtig, die Angehörigen haben ebenfalls Ärger bekommen. Auch hier drohten soziale und gesellschaftliche Konsequenzen. Den Verlust von Lehrstellen oder Studienplätzen - oder diese gar nicht erst bekommen - keine Aussicht auf eine Wohnung, wenn man sich dafür anmeldete, Wartezeiten auf Luxusgüter wie ein Auto. Es gab so viele Möglichkeiten, wie die Stasi in das Leben der Menschen eingreifen konnte, um es zu erschweren.

Janett Cernohuby
Für die Entstehung des Romans haben Sie viel Recherche betrieben. Wie viel Zeit nahm diese insgesamt in Anspruch und wann war der Zeitpunkt da, an dem Sie begonnen haben, den Roman zu schreiben?

Ute Krause
Ich habe viele Gespräche mit Dr. Müller-Enbergs geführt. Er hat mir mit seinen Kenntnissen über die Stasi geholfen und gesagt, was möglich ist und was nicht. So hat er mir auch erzählt, dass es tatsächlich einen einzigen Doppelagenten gegeben hat, der bei der Stasi war. Viel von seinen Informationen habe ich gar nicht im Buch unterbringen können.
Zudem habe ich  Bücher gelesen, wenngleich es schwer war an Literatur zu kommen, die auch darüber berichten, wie es im Einzelnen und im Alltag war.

Wie viel Zeit es gedauert hat, kann ich gar nicht sagen. Ich habe eine etwas unkonventionelle Art zu arbeiten. Vor ungefähr vier Jahren hatte ich das erste Mal die Idee, eine Geschichte zu erzählen, die im Pergamon Museum spielt. Ich wollte Kindern zeigen, dass wir auch in Deutschland spannende Orte haben und dafür nicht extra nach New York und anderswohin reisen müssen. Ich wollte also einen Krimi schreiben, in dem Kinder einen Fall lösen.
Und dann hatte ich da Andreas Geschichte.
Ich habe überlegt, wie ich beides zusammenbringen kann und bin dann erst an die Recherche gegangen.

Ich hatte also schon eine erste Fassung, in der dritten Person geschrieben. Doch mir fiel auf, dass ich von Paul noch zu weit weg war. Mir war klar, dass es der falsche Ansatz ist, dass die Geschichte so nicht funktionieren würde. Also habe ich sie in der Ich-Form erzählt. Ich wurde zur Figur und war somit Paul viel näher. Erst in der letzten Instanz habe ich die dritte Person wieder reingebracht.

Janett Cernohuby
Was wollen Sie jungen Lesern mit diesem Buch mit auf den Weg geben?

Ute Krause
Ich will ihnen zeigen, dass man nicht unbedingt Fantasyliteratur lesen braucht oder in weite Länder reisen muss, sondern dass sich auch vor unserer Haustür ungeheure Geschichten abspielen. Ereignisse, die zum Greifen nahe sind.
Ich will Kinder mit dem berühren, was mich als Jugendliche berührt hat, als ich Andreas Geschichte gehört habe.

Janett Cernohuby
Sie selbst sind als Kind in mehreren Ländern aufgewachsen - der Türkei, Nigeria, Indien, den USA - inwiefern hat Sie dies geprägt? Nimmt es Einfluss auf Ihre Bücher?

Ute Krause
Ich habe sehr früh gelernt, mich immer wieder in eine andere Welt hineinzufinden und hineinzudenken. Das fällt mir bis heute leicht. Ebenso aus mir selbst heraus- und in andere hineinzufühlen. In das Fremde, das mir dann nicht mehr so fremd ist. Denn letztendlich merke ich bei Lesungen immer wieder - beispielsweise in Abu Dhabi, als ich aus meinem Bilderbüchern vorlas - wie wunderbar Kinder lachen und dass der Humor überall der gleiche ist. Egal aus welcher Kultur wir stammen. Das hat mich unheimlich gefreut.

Als ich damals in Indien lebte, gingen meine Schwester und ich auf ein Internat. Das war zu der Zeit, als Pakistan und Indien Krieg begannen. Es gab damals keine Handys und wir haben unsere Eltern wochenlang nicht gesehen. Jeden Abend kamen die Flugzeuge, jeden Abend saßen wir früh in unseren Betten und warteten auf das Heulen der Sirenen. Wartete auf die Entwarnung, bevor man einschlafen konnte. Es war eine Zeit, in der ein großer Druck auf mir lastete. Ich war elf Jahre, meine Schwester neun Jahre und wir waren beide weit weg von Deutschland. Ich dachte: Was wenn meinen Eltern etwas passiert? Dann sitzen wir hier alleine in Indien. Um einzuschlafen habe ich angefangen, mir Geschichten auszudenken. Ich stellte sie mir ganz bildlich vor. Diese Geschichten waren manchmal so spannend, dass ich in dem streng reglementierten Internatsleben jedes bisschen Freizeit nutzte, um mich in einer Ecke zu verkriechen und meine Geschichten weiterzudenken.
Ich glaube, dieses Üben hat meine Fantasie unheimlich geschult. Wenn ich eine Geschichte schreibe, kann ich mich tief darin versenken. Es ist ein innerer Film, dem ich folge, von dem ich selbst noch gar nicht weiß, wohin er führt. Natürlich habe ich ein Exposé, aber wenn ich dann die Handlung aufschreibe, folge ich ihr - manchmal auch ein bisschen blind - und lasse mich überraschen, wohin sie mich führt.

Janett Cernohuby
Was muss ein gutes Kinderbuch Ihrer Meinung nach haben, damit es Kinder auf der einen Seite anspricht, auf der anderen aber auch motiviert, weiterzulesen?

Ute Krause
Im Idealfall ist es spannend, ist es lustig - damit die Kinder etwas zum Schmunzeln haben - und berührt sie auf irgendeine Art. Sie sollen neugierig darauf sind, wie es weitergeht, sodass sie es nicht zur Seite legen können und wollen.

Janett Cernohuby
Es heißt immer wieder, Kinder lesen zu wenig. Können Sie das auch bestätigen oder ist dies eher ein subjektives Empfinden?

Ute Krause
Ich habe mal gehört, dass eigentlich die Prozentzahl der Kinder die liest, nicht mehr und weniger geworden ist, als es das zu meiner Kindheit war. Aber die Bedingungen sind so ungleich viel besser. Tatsache ist, dass wir in Deutschland eine absolut exemplarische Leseförderung haben. Wir Autoren gehen überall an Schulen, fast jeder kleine Ort hat inzwischen schon ein Lesefest. Es wird sehr viel getan fürs Lesen.
Dennoch nimmt es Eltern nicht aus der Pflicht. Das heißt, wer seinen Kindern nichts vorliest, nicht diese wunderbaren Momente entwickelt, wenn man gemeinsam gemütlich auf der Couch sitzt oder im Bett liegt, das Kind im Arm hält und liest, dem wird es schwer fallen, dem Kind einen positiven oder überhaupt einen Bezug zum Lesen zu geben.

Klar, wir leben in einer Zeit, in der die Eltern, die Mütter, lange Arbeitszeiten haben und auch doppelt arbeiten - Haus und Familie sowie der Beruf. Die Eltern kommen abends nach Hause, sind müde. Da ist es leichter, das Kind vor den Fernseher zu setzen, als selbst vorzulesen.
Ich finde die moderne Vätergeneration toll, die den Wunsch hat, viel mehr bei den Kindern zu sein. Sie sind auch Leser. Das bekomme ich bei meinen öffentlichen Lesungen mit, wenn sie zu mir kommen und sagen, dass sie sich mit der Mutter streiten, wer das Buch weiterlesen darf.

Wir haben an Schulen die Unsitte, dass es bei Autorenlesungen keine Büchertische gibt, wo Bücher gekauft werden können. Die Lehrer begründen das damit, dass es Kinder, Familien gibt, die kein Geld haben.
Hier muss ein Umdenken passieren. Man muss Kinder in ihrer ersten Begeisterung abholen.

Auch meine Großeltern waren einfache Menschen, die wenig Geld hatten. Doch Geld für Bücher hatten sie immer.

Janett Cernohuby
Es gibt immer wieder Listen mit den besten Kinderbüchern aller Zeiten. Mit Klassikern, die jedes Kind gelesen haben muss. Welche Kinderbücher haben Sie durch Ihre Kindheit begleitet?

Ute Krause
Ich bin englischsprachig aufgewachsen und auch meine Schulbildung war fast nur auf Englisch. Daher habe ich natürlich viele englischsprachige Autoren gelesen. C. S. Lewis, der die Reihe "Narnia" geschrieben hat, habe ich als Kind wirklich geliebt. Ebenfalls gerne gelesen habe ich Dr. Doolittle. Astrid Lindgrens "Mio, mein Mio" war eines meiner Lieblingsbücher. Als ich kleiner war, waren es "Pipi Langstrumpf" und "Die Kinder von Bullerbü". Ich mochte Erich Kästner. Er hat einen sehr warmen Erzählton.

Janett Cernohuby
Eine letzte Frage: Was sind Ihre weiteren Pläne und Projekte? Dürfen Sie uns hierzu schon etwas verraten?

Ute Krause
Ich schreibe gerade an einem Buch, das im Herbst 2018 erscheinen wird. So viel kann ich verraten: Es ist eine Abenteuergeschichte, die man - ähnlich wie "Die drei Muskeltiere" - gemeinsam liest - abends auf der Couch oder im Bett.

Janett Cernohuby
Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Interview genommen haben. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg mit dem Roman und sind auch schon gespannt auf weitere Veröffentlichungen.

Fotos von Isabelle Grubert
Ute Krause im Interview