Torben Kuhlmann im Interview

„Ich gehe immer dahin, wo die nächste Idee mich hinführt“

von Janetts Meinung | 12. November 2018

Torben Kuhlmann, deutscher Kommunikationsdesigner, Illustrator und Bilderbuchautor, ist bekannt für abenteuerlustige Mäuse in wissenschaftlichen und technischen Disziplinen. Tatsächlich ist es ihm gelungen, schon mit seiner Abschlussarbeit an der Hochschule seinen ersten Bucherfolg zu feiern. „Lindbergh – Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus“ war der erste Schritt in ein Universum voller Mäuseabenteuer. Wir haben uns auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Autor und Illustrator getroffen und ihm einige Fragen zu seinen Werken zu gestellt.

Torben Kuhlmann

Mit „Lindbergh“ haben Sie eine neue Dimension der Kinderbuchillustration geschaffen. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Mäuse in die Welt der Wissenschaft vorstoßen zu lassen?

Das ist gar nichts so einfach in einem kurzen Satz zu beantworten, zumal ich die Geschichte des ersten Buches sehr stückhaft und in kleinen Schritten entwickelt habe. Die anfängliche Idee war tatsächlich nur, dass eine Maus neidvoll auf eine Fledermaus blickt und auch fliegen lernen möchte. Da sie keine anderen Möglichkeiten hat, erschließt sie sich dies mit technischen Mitteln. Damit war ich schon automatisch in einer parallelen Luftfahrtgeschichte, die natürlich auch ein bisschen die menschliche Luftfahrt widerspiegelt. Je mehr ich mich damit beschäftig habe und je komplexer die Geschichte wurde, desto mehr reale Facetten der Luftfahrtgeschichte spielten plötzlich eine Rolle. Ganz zum Schluss kam mir die Idee, dass dieses Abenteuer der Maus, der Flugzeugbau und die Atlantiküberquerung Charles Lindbergh inspirierte, etwas Ähnliches zu tun. So kam es mehr oder weniger aufgrund der anfänglichen Idee dazu, dass ich Mäuse so verzahnt mit der menschlichen Geschichte habe auftreten lassen.

So wie ich das verstanden habe, war „Lindbergh“ ursprünglich die Abschlussarbeit zu Ihrem Studium. Wie ist das Thema dort aufgenommen worden?

Mein Professor hat mir voll vertraut. Ich muss aber auch dazusagen, dass ich ein sehr autark arbeitender Student war. Ich hatte einen Gesprächstermin zu Beginn, bei dem ich meine Idee vorstellte, und dann noch zweiten, bei dem ich meine Arbeit abgegeben habe. Ich habe also nicht viel Rücksprache gehalten. Auch habe ich zu dieser Zeit schon in einer Werbeagentur gearbeitet, was einen Großteil meiner Zeit in Anspruch genommen hat. Die Diplomarbeit war fast schon der entspannte Teil meines Berufslebens. Ich habe mich gefreut, zuhause an dem Buch arbeiten zu können und habe einfach den Druck herausgenommen, nicht mit jedem Bild zu meinem Dozenten zu gehen. Insofern ist das sehr stark in Eigenregie entstanden. Als die Diplomarbeit fertig war und die Prüfung anstand, wurde sie sehr gut angenommen. Ich glaube mein Professor hätte auch früher interveniert, wenn er Zweifel gehabt hätte. Am Ende – ich weiß nicht ob man es Stolz nennen kann - war er schon froh, dass ein Buch dabei herausgekommen ist.

Sind Sie generell von Forschern und Entdeckern fasziniert oder ist das eher auf die Neuzeit beschränkt? Wäre vielleicht auch einmal ein Ausflug ins Jahr 1492 denkbar?

Da sind den Mäuseabenteuern eigentlich gar keine Grenzen gesetzt. So ein kleines bisschen habe ich auch eine technische Affinität, was natürlich dazu beiträgt, dass die Bücher von der späten industriellen Revolution bis in die Neuzeit hinein spielen. Also jener Zeit, in der es um Technik geht. Ich habe durchaus Interessen und Steckenpferde im Bereich Archäologie oder Geschichte. Da könnte also auch mal etwas in diese Richtung kommen. Ob es dann eine Maus ist, ist eine ganz andere Frage. Es gibt ja noch andere Lebewesen auf dem Planeten.

Torben Kuhlmann

Die Charaktere der einzelnen Bücher kommen immer in Kontakt mit den Helden aus dem Vorgängerband. War das von Anfang an schon so geplant?

Als die Diplomarbeit „Lindbergh“ fertig war, bin ich davon ausgegangen, dass das ein Einzelprojekt bleibt. Zumal ich auch, wie vorher gesagt, schon in einer Werbeagentur gearbeitet habe und Auftragsarbeiten für Verlage hatte. Ich habe mich beruflich in einem anderen Bereich gesehen. Kinderbuch wäre für mich dann eher als Hobby betrieben worden. Obendrein habe ich auch nicht damit gerechnet, dass „Lindbergh“ verlegt wird. Das war eine Diplomarbeit. Dass daraus ein Bilderbuch entstand, war ein großes Glück. Im Abschluss meiner theoretischen Facharbeit zum Buch sagte ich, dass es vielleicht nicht das letzte Mal sein könnte, dass eine Maus das Cockpit eines kleinen Fluggeräts einnimmt. Diese vage Hoffnung hat sich dann ja bewahrheitet, als später „Armstrong“ und „Edison“ dazukamen.

Wo wir gerade von Edison sprechen. Da die Geschichte, die den tatsächlichen Edison behandelt, früher angesiedelt ist als in Lindbergh und Armstrong, musste sie als Rückblick erzählt werden. War es schwierig, die Geschichte so darzustellen, dass das eigentliche Thema in der Vergangenheit passiert ist?

Nein, das war notwendig. Ich wollte dieses etwas geradlinige Schema, das „Lindbergh“ und „Armstrong“ haben, jetzt einmal auf den Kopf stellen und überraschen. Die Cover der Vorgänger lassen ja schon erahnen, worum es geht. Sie stellen schon eine Verbindung zwischen Maus und Mensch und der vollbrachten Pioniertat her. Das wollte ich in Edison umdrehen. Ich wollte auch, dass sowohl die Mäuse als auch die Leser bis zum Ende nicht genau wissen, was diese Verbindung ist. Also mit einem kleinen Rätsel arbeiten. Mit einer Geschichte, die auch erst von anderen Mäusen wiederentdeckt wird. Das war für mich die Möglichkeit, etwas frischen Wind hineinzubekommen.

Die Illustrationen Ihrer Werke besitzen eine gewaltige Tiefe, man erkennt unglaublich viele Details, gerade bei Technik. Wie entstehen Ihre Bilder?

Es beginnt alles mit dem Skizzenbuch und meistens stehen am Anfang jedes Projekts ein paar Schlüsselszenen. Ich habe eine grobe Idee einer Geschichte und  einige Bilder, die ich unbedingt in diesem Buch haben möchte. Ich beginne damit, die möglichen Sequenzen in meinem Skizzenbuch zu zeichnen. Daraus ergibt sich dann ziemlich schnell ein kleines Storyboard. Schnelle Zeichnungen, die aufeinander aufbauen. Dieses Storyboard wiederum führt dazu, dass ich mir weitere Gedanken über die Geschichte mache. Das entwickelt sich dann in verschiedene Richtungen gleichzeitig. Wenn feststeht, dass die Bilder auch wirklich im Buch sein werden, fertige ich noch genauere Skizzen an, kläre Details, wie die Komposition, Licht und Stimmung. Dann beginnt das Übertragen in ein richtiges Bild. Die Arbeit auf dem Aquarellpapier, zunächst werden mit einem feinen Bleistift grobe Vorzeichnung gemacht, dann mit einem feinen Filzstift, weiter mit feiner Feder, mit wasserfester Tinte. Damit finalisiere ich die Vorzeichnung und diese wird im letzten Schritt koloriert.

Torben Kuhlmann

Neben der Mäuse-Reihe sind von Ihnen noch andere Werke erschienen. Maulwurfsstadt im Nord-Süd Verlag, Illustrationen in „Die Weihnachtsgeschichte“ nach Charles Dickens, „Siri und die Eispiraten“ und „Titanic - 24 Stunden bis zum Untergang“. Sind diese Werke im Nachgang zu „Lindbergh“ zustande gekommen?

Das ist tatsächlich alles im Gefolge von „Lindbergh“ passiert. Teilweise aber schon sehr früh. Ich war mit der Diplomarbeit, als noch nichts unter Dach und Fach war, auf Messen unterwegs und habe ein paar Verlagskontakte geknüpft. Die haben sich dann auch gemeldet, allerdings nicht wegen „Lindbergh“, sondern weil sie gerade andere Projekte hatten. So kam zum Beispiel die „Weihnachtsgeschichte“ zustande. Parallel dazu hatte der Aladin Verlag ein Projekt, zu dem ihrer Meinung nach mein Stil gut passen könnte. Das macht mir auch Spaß, einmal in einem anderen Buchgenre unterwegs zu sein. Lindberg & Co. sind ja reine Bilderbücher mit einem hohen Bildanteil und mit einem hohen Arbeitsaufwand. Manchmal finde ich es aber auch schön, Sachen zu verknappen oder auf ein Bild zu reduzieren. Das kann man genau dann machen kann, auf einem Cover zu einem unillustrierten Text, mit vielleicht ein paar Vignetten dazu. Man kann so die ganze Geschichte in ein Bild packen. Deshalb ist das eine schöne Abwechslung zu den Bilderbüchern.

Gibt es in den Geschichten einen Mäuserich, der sich in einer Situation anders verhalten hat, als Sie es ursprünglich geplant haben?

Eigentlich ist das immer ein bisschen der Fall. Die meisten Bücher haben irgendwann eine Phase, wo die Geschichte ein bisschen ausufert und man ganz viel hat, was man unbedingt noch reinbringen möchte. Viele kleine Handlungsdetails, die einem im letzten Moment noch in den Kopf springen. Da muss man manchmal seine kleinen Mäuseprotagonisten bändigen und sagen: Das wird jetzt alles ein bisschen viel. Manchmal muss man die Sachen auch ein bisschen unter dem Deckel halten.

Ist geplant, die Reihe im Nord-Süd Verlag fortzusetzen oder bleibt es erst einmal bei den drei Bänden?

Ich gehe immer dahin, wo die nächste Idee mich hinführt. Deshalb: Ausschließen kann man nichts. Vielleicht treten erfinderische Mäuse auch mal als Seitencharaktere in einer anderen Geschichte auf. Aber jetzt, wo ich gerade einen Band abgeschlossen habe, kommt erst einmal wieder etwas anderes.

Bis jetzt haben alle Bände männliche Mäuse – also zumindest namentlich, denn sonst kann man das schwer unterscheiden – und ihre menschlichen Vorbilder im Fokus. Planen Sie auch einen Band über eine weibliche Pionierin oder Forscherin und eben ihre Maus?

Mit dieser Gender-Frage habe ich mich tatsächlich erst in Edison explizit auseinandergesetzt, weil da zum ersten Mal die Mäuse von mir bewusst als männliche Charaktere angelegt wurden. Vorher habe ich es neutral gelassen. Die kleine Maus. So richtig festgelegt habe ich mich da nicht.
Dass da mal ein weiblicher Pionier herangezogen wird und in dem Rahmen dann eine Mausegeschichte passiert, das kann durchaus der Fall sein. Ich habe auch schon jetzt im Rahmen von Edison viel hin und her überlegt. Möglichkeiten gibt es. Man muss gucken was da noch kommt.

Torben Kuhlmann

Was wären Ihre nächsten Pläne, über die Sie schon etwas erzählen dürfen?

Das ist ganz schwierig, da gerade das aktuellste Buch druckfrisch vor uns liegt. Was mich in den letzten Wochen beschäftigt hat, war eine Sonderausgabe von Armstrong. Die kommt nächstes Jahr, anlässlich 50 Jahre Mondlandung. Hierfür haben wir das Buch noch einmal hergenommen, Zusatzinformationen hineingepackt und das ganze nochmal mehr in Zusammenhang mit der echten Mondlandung gestellt. Da gibt es dann ein neues Covermotiv, das auch die Mondlandung prominent zeigt. Außerdem gibt es einen kleinen Anhang über die Apollo 11.

Herr Kuhlmann, vielen Dank für das Interview. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg mit Lindberg, Armstrong und Edison und freuen uns schon, was die Mäusewelt noch alles entdeckt.

    

Lindbergh - Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus

Lindbergh: Die abenteuerliche Geschichte einer fliegenden Maus

128 Seiten, ab 5 Jahren, ISBN: 978-3-314-10210-3, Verlag Nord-Süd

In Hamburg lebt eine außergewöhnliche kleine Maus. Eines Tages bemerkt sie, dass es gefährlich geworden ist, da wo sie wohnt. Überall lauern Mausefallen und Feinde. Nach und nach verschwinden ihre Mäusefreunde. Aber wohin sind sie geflüchtet? Nach Amerika? Die kleine Maus beschließt, den weiten Weg über den Atlantik zu wagen. Nächtelang bastelt sie an einem Flugzeug. Ein wildes Abenteuer beginnt!


Armstrong - Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond

Armstrong - Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond

128 Seiten, ab 5 Jahren, ISBN: 978-3-314-10348-3, Verlag Nord-Süd

Nicht nur Menschen können gewissenhafte Beobachter sein. Auch kleine Mäuse können sich für wissenschaftliche Themen interessieren. So stellt eine ganz spezielle Maus fest, dass der Mond eine riesige Steinkugel im All darstellt, doch andere Mäuse glauben ihr schlichtweg nicht. Ihnen ist völlig klar, der Mond besteht aus Käse. Da erhält die Maus einen Brief von einem geheimnisvollen Absender und macht sich auf den Weg nach Washington D. C., wo sie auf einen Pionier der Mäuseforscher trifft. Die erste fliegende Maus rät ihm, an seinen Träumen festzuhalten. Und so nimmt sich die kleine Maus vor, die erste Maus auf dem Mond zu werden. Erste experimentelle Fahrzeuge erweisen sich als zu unzuverlässig und haben nicht genügend Schub, um die Anziehungskraft der Erde zu überwinden. Und dann beginnt ein Wettlauf mit der Zeit, denn die Menschen werden aufmerksam auf die kleine Maus. Und letztendlich wird nur für den Leser das Geheimnis offenbart, warum das Buch und die Maus den Namen „Armstrong“ tragen.

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Edison - Das Räsel des verschollenen Mäuseschatzes

Edison - Das Räsel des verschollenen Mäuseschatzes

128 Seiten, ab 3 Jahren, ISBN: 978-3-314-10447-3, Verlag Nord-Süd

Vieles hat sich verändert, seit eine Maus einen Transatlantikflug geschafft und eine andere sogar den Mond bereist hat. Nichts scheint mehr unmöglich zu sein. Das ist auch der kleinen Maus bewusst, die die Universität der Mäuse besucht und dort gebannt an den Lippen des vortragenden Mauseprofessors hängt. Denn von ihm erhofft sie sich Hilfe. Einer ihrer Vorfahren hatte auf einer Atlantiküberquerung mit dem Schiff einen Schatz dabei, doch das Schiff ist niemals angekommen. Obwohl sich die Hintergründe als interessant erweisen und möglicherweise tatsächlich auf einen Schatz hinweisen, sträubt sich der Professor anfangs. Erst als sich die kleine Maus durch ihre Experimente mit Tauchglocken selbst in Gefahr bringt, erklärt sich der Professor bereit, ihr zu helfen. Denn auch er hat selbst bereits ein großes Abenteuer erlebt und Erfahrung damit, das Unmögliche möglich zu machen. Und so finden sie heraus, was der Schatz tatsächlich war und was dieser mit Thomas Alva Edison zu tun hatte.

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