Kellerkind

von Kristien Dieltiens
Rezension von Janett Cernohuby | 16. September 2016

Kellerkind

Es gibt historische Persönlichkeiten, die auch heute noch ein Rätsel für uns sind und es vermutlich immer bleiben werden. Eine dieser Figuren ist Kaspar Hauser, ein rätselhafter 16-jähriger Findling, der eines Tages in Nürnberg auftauchte, kaum sprechen konnte und gerade einmal seinen Namen wusste. Noch zu seinen Lebzeiten gab es unterschiedliche Spekulationen, wer er sein könnte. Möglicherweise der legitime Erbe der badischen Großherzöge? Für Kristien Dieltens war er auf jeden Fall eine Figur, über die man einen historischen Roman verfassen könne - und das tat die Autorin mit "Kellerkind".

Im Mai 1828 steht plötzlich ein seltsamer junger Mann in Nürnberg. Keiner weiß, wo er her kam und wer er ist. Er selbst kann zunächst nicht sprechen, dafür aber seinen Namen aufschreiben: Kaspar Hauser. Man nimmt ihn auf, sorgt für ihn und noch wichtiger, unterrichtet ihn. So erfährt man, dass er seine Kindheit in einem dunklen Keller verbracht hat, bei Wasser und Brot. Der Richter, der mit Kaspars Fall betraut ist, findet bald erste Hinweise auf dessen Abstammung. Offenbar scheint der junge Mann der angeblich verstorbene Sohn von Großherzogin Stephanie zu sein. Wurde er als Baby vertauscht und weggebracht? Eine Antwort hierauf wird Kaspar nie bekommen, denn fünf Jahre nach seinem Auftauchen wird er ermordet. Steckt hinter dem Attentat der Offizier Michael Ostheim, dessen Schicksal mit dem von Kaspar Hauser verbunden ist?

Kaspar Hauser ist viel mehr als nur der Name eines Findelkinds. Er ist der Name eines Mannes, dessen Geschichte, Herkunft und Zugehörigkeit wohl nie geklärt werden. Für die einen ist er nach wie vor der legitime Erbe der badischen Großherzöge, für andere ist er nur ein Hochstapler. Zu viel von seiner Geschichte scheint nicht zu stimmen oder Ungereimtheiten aufzuwerfen. Das jedoch hielt Autorin Kristien Dieltiens nicht davon ab, einen atmosphärischen und spannenden Roman zu schreiben. Sie entführt ihre Leser in das Nürnberg der 1830iger, wo Kapsar Hauser mittlerweile wieder unter den Menschen weilt. Sie spinnt aus den rätselhaften Ereignissen eine lebendige Geschichte, die fesselt und Leser in ihren Bann zieht. Sie bedient sich aller Thesen und Theorien, verwebt sie miteinander und lässt eine atmosphärische und dichte Handlung entstehen. In zwei Erzählsträngen arbeitet sie den Fall Hauser noch einmal auf. Sie lässt den Findling durch seine Tagebucheinträge selbst zu Wort kommen, wobei hier nur die Ereignisse seit Kaspars Auftauchen in Nürnberg beschrieben werden. Für alles davor schuf Kristien Dieltiens die Figur des Michael Ostheim, einen durch eine Hasenscharte gezeichneten Mann. Mit ihm bringt die Autorin eine besonders tragische Figur ins Spiel. Aufgrund seiner Fehlbildung wurde Michael von den Menschen seit jeher gemieden, schikaniert und abwertend behandelt. Das prägte seinen Charakter wesentlich, trug dazu bei, dass sich Michael als junger Mann immer mehr in sich zurückzog und zu niemandem Vertrauen fasste. Er schlägt die militärische Laufbahn ein und wird dort zum persönlichen Assistenten von Major Hennendorfer. Was zunächst wie eine glückliche Fügung aussieht, erweist sich aber im späteren Verlauf als genaues Gegenteil. Und so legt Hennenhofer den Grundstein für das spätere Schicksal Kaspar Hausers.

"Kellerkind" ist zusammengefasst ein dichter und spannender Roman von Kristien Dieltiens. In ihm werden die Leser ins Baden des 18. Jahrhunderts zurückversetzt, wo sie Zeuge des tragischen Lebens Kaspar Hausers werden. Fesselnd, mitreißend und sehr atmosphärisch zeichnet die Autorin das Portrait zweier Menschen, deren Schicksal eng miteinander verbunden ist und von dem zumindest einer auch heute noch Historikern ein Rätsel aufgibt.

Details

  • Autor/-in:
  • Verlag:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    07/2016
  • Umfang:
    416 Seiten
  • Typ:
    Hardcover
  • Altersempfehlung:
    14 Jahre
  • ISBN 13:
    9783825179700
  • Preis:
    19,90 €

Bewertung

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