Ich hätte es wissen müssen

von Tom Leveen
Rezension von Janett Cernohuby | 11. August 2015

Ich hätte es wissen müssen

Wann wird aus einem Scherz eine Beleidigung? Hierfür gibt es keine Definition. Was für einen selbst lustig ist, kann für sein Gegenüber schon tief verletzend sein. Wir können nicht in andere hineinsehen, wir wissen nicht, was in ihnen vorgeht, welche Gefühle bestimmte Sätze auslösen. In sozialen Netzwerken verwandeln sich solche Scherze ganz schnell zu bösartigem Cybermobbing. Ein jeder kann daran teilnehmen, man braucht das Opfer nicht einmal kennen. So wird eine Lawine losgetreten, die mit verheerender Kraft ins Tal rast und alles mitreißt. "Ich hätte es wissen müssen" ist ein ergreifender Jugendroman über genau dieses Thema, der im Verlag Goya Libre / Jumbo Neue Medien als Hörbuchproduktion erschienen ist.

Es ist der Abend vor Toris Gerichtsverhandlung. Das 16-jährige Mädchen ist des Mordes angeklagt. Ein Jahr lang hat sie zugeschaut, wie ihr einstiger Freund Kevin auf Facebook gemobbt wurde, und teilweise sogar mitgemacht. Bis er die Beleidigungen nicht mehr ertragen konnte, zu einem Schal griff und sich damit erhängte. Weil er es nicht mehr ertragen konnte.
Nun müssen sich Tori und ihre sogenannten Freunde für ihre Mobbingattacken, die letztendlich zu dem Selbstmord geführt haben, vor Gericht verantworten. Tori selbst empfindet das als himmelschreiende Ungerechtigkeit. Die letzten Monate waren auch für sie nicht einfach. Auch sie wurde angefeindet, beleidigt, beschimpft. Und außerdem - sie ist doch nicht schuld daran, dass Kevin sich umgebracht hat! Es war doch alles nur Spaß. Was kann denn sie dafür, wenn Kevin keinen Spaß versteht.
Diese selbstsüchtigen Gedanken gehen Tori auch an jenem Abend durch den Kopf - bis ihr Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung ist Andy, der von Tori nur einen Grund hören will, warum er sich nicht umbringen sollte. Tori ist völlig überfordert. Spielt Andy nur mit ihr, oder will er sich wirklich was antun? Und wie kann Tori ihn davon abhalten?

Das Thema Cybermobbing ist hochaktuell und wird immer brisanter. Für die Rechtsprechung und die Gesetze ist es noch Neuland, wenngleich einige Länder selbige bereits angepasst haben. Auch an Schulen wird dieses Thema immer häufiger besprochen und Jugendbuchautoren greifen es ebenfalls in ihren Romanen auf. Doch wird hier stets aus Sicht der Opfer geschrieben. Tom Leveen setzte sich auf die andere Seite. Er lässt ein Mädchen zu Wort kommen, das selbst gemobbt hat. Das sich via Facebook über einen Freund lustig gemacht hat. Freilich hat sie ihm nicht so übel mitgespielt, wie andere Mitschüler, doch sie hat ihn auch nie in Schutz genommen. Da es zudem auf ihrer Facebook-Seite stattfand, wird sie als Hauptakteurin gesehen. Und was macht sie? Empfindet sie Reue? Ist sie bestürzt über das, was geschehen ist? Nein, ganz im Gegenteil. Tori sieht kein Bisschen ein, dass ihr Verhalten falsch war. Wie es so oft passiert, schiebt sie auch noch dem Opfer den Schwarzen Peter zu. Sagt, dass er einfach nur empfindlich war. Dass er keinen Spaß verstanden habe. Sagt, dass sie ja wohl nichts dafür kann, wenn er den Freitod gewählt hat.
Diese Sturheit, diese Uneinsichtigkeit der eigenen Fehler ist bemerkenswert. Er zeigt, wie oberflächlich bestimmte Teenager sind. Sport und Aussehen sind alles was zählt.
Die Geschichte berührt, rüttelt auf und erschüttert. Empfindet man Mitleid mit Tori? Nein, vielmehr schüttelt man über sie den Kopf. Über ihre Art sich herauszureden und über ihre Ausreden. Gleichzeitig ist man (wieder) schockiert darüber, welche Ausmaße Cybermobbing nehmen kann. Denn wenngleich es sich hierbei um eine fiktive Erzählung handelt, sind ähnliche Fälle tatsächlich passiert. Fälle, in denen Schüler über das Internet so fertig gemacht wurden, dass sie keinen anderen Ausweg als den Freitod gesehen haben. Man fragt sich, wie das sein kann, dabei ist die Antwort so erschreckend simpel. Man sitzt vor seinem Computer, versteckt sich hinter der (vermeintlichen) Anonymität des Netzes und schreibt Dinge, die man persönlich niemals wagen würde, von sich zu geben. Die Hemmschwellen sinken, sobald man nur noch den Monitor vor sich sieht. Jugendliche (und natürlich auch Erwachsene) müssen sensibilisiert werden. Ihnen muss klar werden, dass dieses Verhalten falsch ist und absolut inakzeptabel. "Ich hätte es wissen müssen" trägt hierzu einen wichtigen Teil bei.
Gesprochen wird das Hörbuch übrigens von Leonie Landa. Die Schauspielerin und Sprecherin ist perfekt gewählt und bringt mit ihrer jugendlichen Stimme die Protagonistin absolut glaubhaft und überzeugend herüber. Wut, Angst, Verzweiflung, Erschöpfung - sie verleiht Tori eine Stimme, lässt sie lebendig werden und ebenso die Geschichte um sie herum. So wird aus der Lesung mehr als nur die Wiedergabe eines Buches. Sie wird ein Aufruf zu mehr Verantwortung bei der Nutzung des Internets und der sozialen Netzwerke.

Kurz gefasst ist "Ich hätte es wissen müssen" von Tom Leveen ein erschütterndes, aufrüttelndes Hörbuch aus dem Verlag Goya Libre / Jumbo Neue Medien. Es führt uns vor Augen, wie schnell leichtfertige Äußerungen zu Mobbing mit fatalem Ausgang führen können. Die Geschichte spricht vor allem Jugendliche an, da gerade für sie Cybermobbing ein hochbrisantes Thema ist. An diesem Hörbuch darf man nicht vorbeigehen, sondern man sollte es unbedingt gehört haben.

Details

  • Autor/-in:
  • Verlag:
  • Genre:
  • Sprache:
    Deutsch
  • Erschienen:
    07/2015
  • Umfang:
    3 CDs
  • Typ:
    CD
  • Altersempfehlung:
    13 Jahre
  • ISBN 13:
    9783833734670
  • Spieldauer:
    270 Minuten

Bewertung

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