Als der Elsterkönig sein Weiß verlor

von Michael Stavarič, Linda Wolfsgruber (Illustrator)
Rezension von Janett Cernohuby | 14. März 2017

Als der Elsterkönig sein Weiß verlor

Der Elster wird nachgesagt, dass sie von diebischer Natur ist. Was glitzert und glänzt stibitzt sie und schafft es in ihr Nest. Doch die Elster als Krafttier hat noch eine ganz andere Bedeutung. Sie hilft sich von Altlasten zu befreien, weist im Traum auf Diebe, Betrüger aber auch auf üble Nachrede hin. Alle diese Eigenschaften finden sich auch in dem modernen Märchen "Als der Elsterkönig sein Weiß verlor" wieder.

Der mächtige Elsterkönig herrscht erhaben über sein Reich. Bis zu diesem Morgen, als er erwacht und feststellt, dass sein Federkleid völlig schwarz ist. Wohin das Weiß verschwunden ist, kann sich niemand erklären. Zwar trauen sich die anderen Vögel nicht, vor dem Elsterkönig darüber zu sprechen, doch hinter vorgehaltenen Flügeln tuschelt man. Der Groll des Elsterkönigs wächst. Nach und nach lässt er alles Weiße in seinem Land verbieten. Die anderen Elstern müssen ihre Federn ebenfalls schwarz einfärben. Sogar die weißen Wolken und den Schnee versucht er zu verdunkeln. Bis die anderen Elstern nicht mehr mitspielen und der Elsterkönig abdanken muss. Doch damit ist seine Reise, seine Suche noch lange nicht zu Ende.

Michael Stavarič erzählt mit seinem Bilderbuch ein modernes Märchen und greift darin ganz unterschiedliche Themen auf. Der Elsterkönig ist ein Suchender. Zunächst sucht er die weiße Farbe seines Gefieders, dann nach Antworten auf das Warum. Er findet beides nicht, denn letztendlich geht es nicht um die Farbe Weiß. Es geht um Veränderungen. Veränderungen im Leben, im Alter und im Aussehen. Auf alle das hat man keinen Einfluss. Man kann natürlich versuchen, seine Umwelt anzupassen, seine Gefährten, doch was bringt das? Wäre es nicht angebrachter, Veränderungen zu akzeptieren, sie hinzunehmen und aus ihnen heraus einen neuen Abschnitt zu beginnen? Am Ende seiner Suche, seiner Reise erkennt der Elsterkönig dies und findet damit auch sein Weiß wieder.
Wenngleich das Märchen wunderschön erzählt und sehr philosophisch ist, ist es nicht unbedingt für Kinder geeignet. Schon gar nicht für Kinder zwischen drei und sechs Jahren. Für sie ist die Sprache zu anspruchsvoll. Es werden Gleichnisse gebracht, die sie noch nicht nachvollziehen können. Natürlich verstehen sie den Verlust des Königs, erkennen die Missstimmung unter den Elstern und wollen natürlich wissen, was denn nun aus dem König wird. Doch lässt sie das Ende - das durchaus glücklich ist - unbefriedigt zurück. Zu wenig können sie den Ausgang nachvollziehen und begreifen. Hier sind sie auf Erklärungen und Erläuterungen ihrer Eltern angewiesen. Anders sieht es dann schon bei älteren Kindern, ab ungefähr acht Jahren, aus. Sie können schon eher einen Zugang zur Geschichte und der dahinter liegenden Botschaft finden.
Illustriert wurde das Buch auf beeindruckende Weise von Linda Wolfsgruber. Ihre gedruckten Vögel und ebenso deren Zuhause weisen anfangs die Leichtigkeit dieser Tiere auf. Doch das ändert sich. Die Bilder werden dunkler, die Tiere schwerfälliger. Die bedrückende Stimmung, die Last des fehlenden Weiß liegt schwer auf den Szenen. Erst zum Ende, wenn der Elsterkönig die lang gesuchten Antworten findet, werden die Farben wieder heller und freundlicher. Die Leichtigkeit kommt zurück, was auch deutlich in den Bildern zu spüren ist.
Die Illustrationen harmonieren wunderbar mit dem Text. Beide sind sehr poetisch, gefühlvoll und gehen eine wunderbare Symbiose ein.

"Als der Elsterkönig sein Weiß verlor" ist eine moderne, märchenhafte Geschichte. Sie erzählt von Veränderungen, die uns ständig umgeben. Veränderungen auf die wir keinen Einfluss haben. Anstatt nach diesen zu versuchen und unsere Energie dafür zu vergeuden, sollten wir lernen, mit ihnen zu leben. So wie es auch der Elsterkönig am Ende tut.

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